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Bedarf einen verhältnismässig sehr hohen Lohn erzielt, ohne in dem
höheren Alter auf eine Steigerung rechnen zu können. Während in den
gebildeten Kreisen der Beamte, im Durchschnitte auch der Unter-
nehmer im Laufe der Zeit ein immer reichlicheres Einkommen erlangt,
und damit auch erweiterten Ausgaben für heranwachseude Kinder
a. s. w. gerecht werden kann und sorgenlos dem Greisenalter ent-
gegensieht, ist in unserer Arbeiterbevölkerung das Entgegengesetzte der
Fall. Der ländliche Arbeiter, der Steinträger, Handlanger und sonstige
ungelernte Arbeiter, wie die Mädchen in einer Spinnerei etc. können
sei entsprechender körperlicher Entwicklung schon mit 19 Jahren auf
dem Höhepunkt ihres Verdienstes angelangt sein, den sie während
ihres ganzen Lebens nicht überschreiten können. Dasselbe ist bei dem
yelernten Bauarbeiter, und sonstigen Handwerker als Geselle, dem Mo-
delltischler und Schlosser in der Fabrik Mitte der zwanziger Jahre und
ebenso bei der Fabrikarbeiterin der Fall. Da sie nur für sich allein
zu sorgen haben, genügt ihr Verdienst auch zu Luxusausgaben, bei
Mädchen für die Kleidung, bei jungen Männern für das Kneipenleben,
wodurch ihre Lebensansprüche nachhaltig gesteigert werden. Da sie auf
höheres Verdienst doch im allgemeinen nicht rechnen können, liegt
kein Grund vor, mit der Familiengründung zu zögern, die deshalb vor-
zeitig in frühem Alter geschieht. War nun zunächst durch den Ver-
dienst beider Teile das Auskommen ein reichliches, so ändert sich dies,
wenn Kinder geboren werden, die Frau zeitweise oder gar dauernd
auf eigenen Verdienst verzichten, und der Lohn des Mannes nun allein
für die vergrösserten Ausgaben des Haushaltes ausreichen muss.
Dass diese Verminderung des Verdienstes bei erhöhten Ausgaben nun
doppelt empfunden werden muss, liegt auf der Hand. Wiederum ist
hier nur durch Erziehung zur Sparsamkeit in jungen Jahren und die
Anforderung eines angesammelten Reservefonds für die Eheschliessung
Besserung zu erwarten, dann durch die Umgestaltung der Stellung des
Arbeiters, besonders in den grösseren Unternehmungen aus der des Tag-
Jöhners in die des Beamten mit steigendem Lohn, Ansammlung eines
Reservefonds für das Alter oder Pensionsberechtigung.
. Aus dem Gesagten geht bereits hervor, dass ein Teil der Miss- Zuchtlosigkeit
stände unserer Zeit auf mangelnde Erziehung zurückzuführen ist. Und der jungend-
dieses hat sich gerade in der neueren Zeit immer schlagender heraus-lichen Arbeiter
gestellt. Die Zunahme der Verbrechen und Vergehen im jugendlichen
Alter, namentlich gegen die Sittlichkeit und gegen die Person, während
im grossen Ganzen die Gesamtzahl der wegen Verbrechen und Ver-
gehen Verurteilten infolge der günstigen wirtschaftlichen Verhältnisse
abgenommen hat, sind ein sehr deutliches und bedenkliches Zeichen.
Die Ursachen dieser Erscheinungen liegen sehr klar zu Tage. In den
besser situierten Kreisen bleibt der junge Mann bis zum 18., 20. Jahre
in häuslicher Zucht und Aufsicht. Erst dann, nach methodischer Er-
ziehung, Stärkung des Charakters, Befestigung ethischer Grundsätze
and mit erweitertem Gesichtskreise tritt er aus dem elterlichen Hause
in der Regel in geordnete gesellschaftliche Verhältnisse, die es ihm
erleichtern in denselben Bahnen weiter zu wandeln und ihn viel-
fach sogar in besonderer Weise dazu nötigen, wie in Beamten-
stellen aller Art. War es in früherer Zeit in der Stadt allgemein, dass
der angehende Handwerker als Lehrling in das Hans und die Zucht