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Er bezeichnet die von Adam Smith aufgestellte Wissenschaft als
sine Wucherlehre (Chrematistik), während sie eine ethische Wissen-
schaft sein solle, welche die menschliche Wohlfahrt im edleren Sinne
zu fördern sucht. Gerade dieser Auffassung wegen ist Sismondi
nicht mit Unrecht als der Vater des späteren Kathedersozialismus be-
zeichnet, der denselben Grundsatz auf seine Fahne schrieb. Unter
dem Prinzip des „laissez faire, laissez passer‘“ gehe eben die Wohlfahrt
der großen Masse der Bevölkerung verloren. Die schrankenlose Kon-
kurrenz führe zu einem extremen Kampf, bei dem der Schwächere
unterliege, der nicht immer der Schlechtere sei. Vor allem ist der
Arbeiter dem Arbeitgeber, wie dem Kapitalisten gegenüber der
Schwächere und werde deshalb rücksichtslos ausgebeutet. Während unter
dem Feudalsystem der Grundbesitzer und bei dem alten Zunftwesen der
Handwerksmeister oder sonstige Unternehmer nicht nur in dem Momente
der Ausnutzung der Arbeitskraft den Arbeiter unterhalten mußten,
sondern. auch darüber hinaus, wenn er leistungsunfähig oder sonst ver-
dienstlos war, findet ihn jetzt der Unternehmer endgültig mit dem
Lohne ab und wirft ihn auf die Straße, wenn er ihn nicht mehr zur
Erhöhung seines Reichtums verwerten kann. Aufgabe des Staates sei
es, hier einzutreten und den Schwächeren zu schützen; nicht durch
mittelalterliche Einrichtungen, durch Preis- und Lohntaxen etc., aber
durch Einrichtungen, welche den Unternehmer zwingen, den dauernden,
vollständigen Unterhalt nicht nur des einzelnen für ihn Arbeitenden,
sondern der Arbeiterklasse zu übernehmen. Wo, wie in England, die
Armenkasse eintritt, sollten wenigstens die Fabrikanten allein zu der-
selben beisteuern,
Die Hauptschwierigkeit einer Besserung sieht er als strenger An-
hänger der Malthusschen Lehre in der rapiden Volkszunahme.,
[m Mittelalter durfte der Bauer ‚erst heiraten, wenn er in einen
Bauernhof einrückte, der Handwerker, wenn er Meister wurde. Die
Volkszunahme war daher beschränkt. In dem Zustande wirtschaft-
icher Freiheit ist dagegen die Zunahme des Proletariats unbehindert
and greift in erschreckender Weise um sich. Daraus folgt die wach-
sende Zahl der Arbeitslosen, die wieder den Lohn herabdrückt.
Dem allem abzuhelfen sieht er sich selbst nicht im stande. Das Haupt-
übel scheint ihm in dem Gegensatze zwischen dem besitzenden Unter-
nehmer und dem besitzlosen Arbeiter zu liegen. Er hält es deshalb
%ir eine Hauptaufgabe, wieder die Verbindung des Besitzes mit der
Arbeitskraft herbeizuführen und findet sein Ideal in dem bäuerlichen
Kleinbetriebe auf eigenem Grund und Boden, Daß die städtische
Industrie nicht wieder auf den kleinen, handwerksmäßigen Betrieb
zurückgeschraubt werden kann, sieht er ein, so sehr er dies bedauert.
So muß man wenigstens danach streben, eine Art Solidarität
zwischen Unternehmern und Arbeitern zu schaffen unter bedingter
Wahrung der individuellen Freiheit und des Privateigentums. Auch
ist das Besitzmonopol zu beschränken und dem Arbeiter ein wachsender
Teil an dem Wirtschaftsertrage zu sichern.
Das Wesentlichste in seiner Lehre ist, daß er dem Staate neue
wirtschaftliche Aufgaben zuteilt, vor allem den Arbeiter nicht schutzlos
sich selbst überlassen und als einfache Ware behandelt sehen, sondern
ihn unter die besondere Obhut des Staates stellen will, um damit
nicht nur die Produktion, sondern vor allem die geistige Kultur und
las Wohlbehagen der Gesamtheit zu fördern. Er verfolgt bereits mit