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Die gleichen Anschauungen vertritt Karl Ludwig von HallerL.v.Haller.
a Auch er steht mit seinen ganzen Anschauungen auf
em Boden des Mittelalters, idealisiert die damaligen Zustände in
Jurchaus unhistorischer Weise und bekämpft die neuere Entwickelung
und vor allem den modernen Industriestaat. Deshalb wünscht er in
seinem „Handbuch der allgemeinen Staatenkunde“, 1808 vor allem durch
Fideikommisse die großen Grundherrschaften für alle Zeiten festzulegen
und ebenso mit allen Mitteln den Bauernstand zu sichern. Den Ge-
meinden sollen weitgehende Rechte und große Selbständigkeit ein-
geräumt werden, um der lästigen Vielregiererei von oben entgegen zu
wirken. Gewerbefreiheit sei nicht zu dulden, den Gemeinden sei zu
überlassen, wen sie als Bürger aufnehmen und welche Beschäftigung
sie ihm gestatten wollen, Daß Haller bei dem geringen Verständnis
für die neue Zeit keinen tiefen Eindruck machen konnte, liegt auf
der Hand.
& 103.
ce) Friedrich List.
Lowis Katzenstein, Fr. List, Berlin 1896,
LZudw. Haüsser i.d. Vorrede zur Gesamtausgabe von Lists Werken. Tübingen 1850.
K. Th. Eheberg, Histor.-krit, Einl. z, 7. Aufl, Fr. List’s Nationales System der
pol. Oek. Stuttg. 1883
Die beiden soeben besprochenen Gegner Smiths standen zu sehr
auf veraltetem Standpunkte, um positiv einen Fortschritt in unserer
Wissenschaft zu erzielen und anders als durch ihre Kritik zu wirken.
Ganz anders steht der jetzt zu betrachtende Mann da, der mit klarem,
praktischem Blick die neuere Zeit richtig erfaßt und zugleich die
Einseitigkeit des Smithianismus erkannt hat. Er wollte nicht das
moderne Zeitalter zurückschrauben, sondern trat begeistert für dasselbe
ein und untersuchte, wie die modernen Förderungsmittel am besten
zu verwerten seien. Auch er trat dem Smith’schen Kosmopolitismus
entgegen und verlangte den Ausbau der einzelnen Nationen zu selb-
ständigen Organismen mit eigener Geschichte und besonderer Eigen-
tümlichkeit. Daher hat man das von ihm aufgestellte System das
„nationale“ genannt. Er sah aber in dem Staat nicht wie Ad. Müller
den Selbstzweck, sondern nur das Mittel, um dem Einzelnen gerecht
zu werden. Er entfernte sich damit nicht von Ad. Smith, wurde
aber dadurch sein Gegner, daß er dem Staate ganz andere wirtschaft-
liche Aufgaben stellte. Hatte Smith den Wohlstand hauptsächlich
in den Befriedigungsmitteln gesehen, so List in den Produktions-
kräften des Landes, die, allseitig zu entfalten und in ihrer nachhaltigen
Leistungsfähigkeit zu erhalten, die. Aufgabe des Staates sei, welche die
Einzelnen nicht genügend durchzuführen vermöchten. Auch er erkennt,
daß die Smithsche Lehre hauptsächlich für englische Verhältnisse
geschaffen und aus Beobachtungen auf englischem Boden erwachsen ist,
aber er sieht sie auch für verwertbar an, um zu beurteilen, wie die
Volkswirtschaft des Kontinents entwickelt werden müsse, um der eng-
lischen Suprematie entgegen zu wirken, Zugleich vermochte er seine
ganzen Lehren in ein geschlossenes System zu bringen, das nicht frei
von Einseitigkeiten ist, aber bis auf die Gegenwart hin in der Haupt-
sache seine Bedeutung bewahrt hat.
Es ist nun von besonderem Interesse, zu verfolgen, wie er auf
rein emPpirischem Wege und als Autodidakt zu seinen Anschauungen
Stellung zu
A. Smith.