Full text: Nationalökonomie (Teil 1)

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scharfem Blick die Gegensätze zwischen Privat- und Gesamtinteresse, 
welche die Smithsche Schule nicht kannte. 
& 102, 
Die romantische Schule der Nationalökonomie. 
b) Adam Müller, K. L. von Haller. 
A, Müller, In Deutschland hat der extreme Smithianismus nur bei verhältnis- 
mäßig wenigen vollen Anklang gefunden und ist vor Allem auf 
deutschen Kathedern niemals unkritisch vertreten worden. Vielmehr 
sind früh bedeutende: Staatsmänner demselben entgegengetreten. Der 
zeistvollste unter ihnen war Adam Müller, später Ritter von Nitten- 
dorf. 1779 in Berlin geboren, hat er seine Dienste hauptsächlich 
Oesterreich gewidmet und hatte durch seinen Freund Friedrich 
Gentz einen nicht unbedeutenden politischen Einfluß. In den letzten 
Jahren seines Lebens war er unter Metternich in der geheimen 
Staatskanzlei beschäftigt. Er starb in Wien 1829. Seine Hauptschrift 
sind die „Vorlesungen über die Elemente der Staatskunst“, Drei Bände, 
Berlin 1809. Er hat die Vorlesungen in Dresden vor dem Prinzen 
Bernhard von Weimar gehalten. Ihm ist das Mittelalter mit seiner 
ständischen Verfassung, den durch das Zunftwesen gebundenen Ge- 
werben und der Verbindung der Menschen überhaupt in geschlossenen 
Korporationen das Ideal. Die Atomisierung der Bevölkerung in der 
Smithschen Volkswirtschaft erscheint ihm dagegen in hohem Maße 
verwerflich. Er wirft Smith besonders vor, nur die einzelnen Kon- 
sumenten und ihren momentanen Bedarf im Auge zu haben, während 
er demgegenüber die Entwickelung der Gesamtheit in den Vorder- 
grund stellen will, und die Nachhaltigkeit der Leistungsfähigkeit des 
Landes ihm die Hauptsache erscheint. Der Staat ist ihm selbst- 
ständiger Kulturzweck, ohne den der Mensch nicht gedacht werden 
kann; dem Staate weist er daher auch die weitgehendsten Aufgaben zu. 
Smith habe nur die materiellen Güter im Auge, von höherer Bedeu- 
bung seien die geistigen, denen Müller ebenso einen wirtschaftlichen 
Wert beilegen will als jenen. Nur der Staat könne angemessen für 
die Zukunft der Nation und ebenso für die Befriedigung der geistigen 
Bedürfnisse sorgen. Der Staat müsse die Totalität aller mensch- 
lichen Angelegenheiten umfassen, in ihm müßten Familienleben, Wissen- 
schaft und alle Erzeugnisse des menschlichen Geistes wurzeln und 
aufgehen, Innerhalb des Staates müßte die Bevölkerung in eine 
Reihe von Korporationen organisiert sein als Mittelglieder zwischen 
Staat und Familie. Nur der Staat kann. ferner die verschiedenen 
Generationen der Vergangenheit und der Zukunft verbinden. Die 
Smithsche Lehre habe nur Anwendbarkeit für einen Handelsstaat 
mit mehr städtischem Charakter wie England. Auf dem europäischen 
Kontinent sei dagegen die Landwirtschaft die Grundlage. Der kon- 
tinentale Staat habe mehr ländlichen Charakter und sei deshalb anders 
aufzufassen. Unzweifelhaft ist gerade dem deutschen Geiste die völlige 
Trennung der materiellen Aufgaben von den sittlichen Grundlagen des 
Lebens, wie sie in dem „wealth of Nations“ hervortritt, und dieses 
Werk hat Adam Müller allein berücksichtigt, besonders entgegen, 
Gerade diese Trennung greift er mit Schärfe an, weshalb seine Schrift 
nicht ohne Eindruck blieb.
	        
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