Sechster Abschnitt.
Das frühe Mittelalter im Westen.
Die Völkerwanderung. Merowinger und Karolinger.
Am wenigsten geklärt erscheint das hier vorliegende Problem
für jene Gebiete, die gemeinhin als Hauptträger der histori-
schen Entwicklung des frühen Mittelalters
aufgefaßt werden, vor allem das Frankenreich. Ganz überwiegend
herrscht bei älteren wie auch neuesten Forschern doch immer noch
die Meinung vor, es hätten die germanischen Barbaren in der
Völkerwanderungszeit der Geldwirtschaft des spätrömischen Reiches
ein Ende bereitet und die ihrer primitiven Kultur entsprechende
Naturalwirtschaft in den von ihnen dann begründeten Staaten
eingeführt, welche dann jahrhundertelang bis zum Aufkommen
des Städtewesens in Deutschland, etwa das 12. Jahrhundert,
angedauert habe. Es ist von hohem Interesse dabei zu beob-
achten, wie wenig übrigens dann im einzelnen die verschiedenen
Forscher übereinstimmen, wie groß die Gegensätze, ja Wider-
sprüche in der: Beurteilung des Verlaufes. jener Entwicklung
doch sind.
Diesen Standpunkt hat vor allem in neuerer Zeit') noch Max
Weber eingenommen und zugleich betont, daß mit der Über-
siedelung der großen Grundherren auf das Land sich hier eine
Gutsherrschaft ausgebildet habe, die alle ihre wirtschaftlichen Be-
dürfnisse selbst erzeugt, eine Autarkie des Oikos, wie sie Rodbertus
für die antike Wirtschaft überhaupt als charakteristisch ansah.
Dagegen sei der Verkehr über dieser naturalwirtschaftlichen Unter
“ Ich sehe hier von den älteren Wirtschaftshistorikern, einschließlich
v. Inama-Sterneggs und Karl Lamprechts, ganz ab, damit mir nicht wieder der
billige Vorwurf gemacht werden könne, daß ich weit zurückgreife, um längst
Überholtes als herrschende Lehre bezeichnen zu können.