Map. V.
Die zentrale Wahrheit.
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steigert, je mehr der materielle Fortschritt zunimmt. Dies ist die subtile
Alchemie, die in allen zivilisierten Ländern den Massen auf wegen,
die sie nicht begreifen, die Früchte ihrer mühseligen Arbeit entzieht;
die an Stelle der aufgehobenen Sklaverei eine härtere und hoffnungs
losere aufrichtet; die aus politischer Freiheit politischen Despotismus
schmiedet und bald demokratische Institutionen in Anarchie verwandeln
muß.
Dies ist es, was den Segen des materiellen Fortschrittes in Fluch
verwandelt. Dies ist es, was menschliche Wesen in ungesunden Kellern
und schmutzigen Mietskasernen zusammendrängt, was die Gefängnisse
und Bordelle füllt, was die Menchen mit Mangel quält und sie vor
Habsucht verzehrt, was die Frauen der Grazie und Schönheit vollkom
mener Weiblichkeit beraubt, was den Kindern die Freude und Unschuld
des Morgens ihres Lebens verkümmert.
Eine Zivilisation auf solcher Grundlage kann nicht von Dauer
sein. Die ewigen Gesetze des Weltalls verbieten es. Die Ruinen toter
Reiche bezeugen es, und die Stimme in jedes Menschen Brust antwortet
darauf, daß es nicht sein kann. Etwas Größeres als das Wohlwollen,
etwas Erhabeneres als die Mildtätigkeit — die Gerechtigkeit selbst ver
langt von uns, dieses Unrecht gut zu machen. Die Gerechtigkeit, die nicht
verleugnet werden kann, die nicht abzufertigen ist — die Gerechtigkeit,
welche mit der wage das Schwert trägt. Sollen wir den Streich mit
Liturgien und Gebeten parieren? Sollen wir die Beschlüsse unwandel
barer Gesetze abwenden, indem wir Kirchen bauen, wenn hungrige
Kinder weinen und niedersinkende Mütter ächzen?
wenn sie auch die Sprache des Gebetes annimmt, es ist doch Gottes
lästerung, welche den unerforschlichen Beschlüssen der Vorsehung die
aus der Armut erwachsenden Leiden und Brutalitäten zuschreibt, die
mit gefalteten bsänden sich zu dem Allvater wendet und ihm die Verant
wortlichkeit für das Elend und die verbrechen unserer großen Städte
zuschiebt, wir setzen den Ewigen damit herab, wir verunglimpfen den
Allgerechten. Lin mitleidiger Mensch würde die Welt besser eingerichtet
haben; ein gerechter Mensch würde mit seinem Fuße solch einen schwären
den Ameisenhaufen zertreten. Nicht der Allmächtige, sondern wir sind
für das Laster und Elend, die mitten in unserer Zivilisation eitern,
verantwortlich. Der Schöpfer überhäuft uns mit seinen Gaben, die für
mehr als alle genügen. Aber gleich Schweinen, die sich um ihre Nah
rung reißen, treten wir sie in den Schmutz —treten sie in den Schmutz,
indem wir uns darum reißen und einander zerfleischen!
Gerade in den Mittelpunkten unserer Zivilisation gibt es heut
zutage Mangel und Leiden genug, um jedem das Herz krank zu machen,
der nicht die Augen davor schließt und seine Nerven dagegen stählt.
Dürfen wir uns an den Schöpfer wenden und von ihm Abhilfe erbitten?
Angenommen, das Gebet würde erhört und auf das Geheiß, welches
das Weltall ins Dasein rief, glühte die Sonne mit noch größerer Kraft,