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Kreditphänomen. ist daher eine statische Erscheinung und be-
steht im Vorschießen von Genußgütern, wobei Geld im weitesten
Sinne als technisches Hilfsmittel fungiert. Da für uns und auch
für Cassel — der teilweise individuelle Charakter der Cassel-
schen Dynamik ist in diesem Falle ohne Bedeutung — die
Statik nur ein höherer Abstraktionsgrad der Dynamik ist, für
letztere also eo ipso das „gilt‘, was für die Statik „wahr“ ist,
so muß auch in der Dynamik das Wesen des Kreditphänomens
das gleiche sein. Daß Cassel dieser Ansicht ist, geht deutlich
aus seinen Ausführungen über das Verhältnis von Bankzins
und Realzins hervor, die folgenden Inhalt haben: Der wahre
Kapitalzins ist derjenige Zinsfuß, bei dem der Geldwert unver-
ändert bleibt. „Wird dieser Satz erreicht, dann wird der Geld-
geber eine reine Kapitaldisposition verkaufen und den Preis
dafür im Marktzins bekommen .... Bei diesem Zinsfuß
werden genau so viele neue Bankzahlungsmittel in Umlauf ge-
setzt, wie der wachsende Verkehr bei unverändertem Preis-
niveau braucht‘“1). Dann werden die Bankzahlungsmittel nur
entsprechend den zur Verfügung gestellten Ersparnissen ver-
mehrt2).
Daraus muß man schließen, daß zusätzliche Kaufkraft
keine wirkliche Kapitaldisposition ist, was doch soviel heißt,
daß sie überhaupt keine Kapitaldisposition ist und daher
Cassel das Wesen des Kredites nicht in der Geldschöpfung
der Banken, wie Schumpeter®), sieht. Nur Vorschüsse, die
auf Ersparnissen beruhen, sind Kapitaldisposition. Zusätzliche
Kaufkraft kann man aber nicht sparen, auf ihren Konsum kann
man nicht verzichten, sondern nur auf den von Genußgütern.
Das Geld ist daher nur technisches Hilfsmittel, und die Kapital-
funktion liegt bei den Genußgütern,
Nun schreibt allerdings auch Cassel der zusätzlichen Kauf-
kraft einen Einfluß auf die Güterwelt zu. Liegt darin etwa ein
Widerspruch zu seinen sonstigen Ausführungen? Cassel
argumentiert: „Wenn die Banken den Zinsfuß für ihre Vorschüsse
zu niedrig halten, und wenn dadurch das Gleichgewicht des
ıy Cassel, Theorie, S. 450. *) ebda., S. 397.
3 Schumpeter, Entwicklung, S. 153.