Object: Theoretische Sozialökonomie

104 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft. 
oder zum Gesamtangebot des Marktes unbedeutend oder, wie man 
sagt, eine Größe zweiter Ordnung ist und also auf den Markt nur einen 
untergeordneten Einfluß hat. Nur in diesem Falle ist, wie theoretisch 
einleuchtet und wie die neuere Erfahrung gezeigt hat, eine stabile 
Gleichgewichtslage möglich. 
Solche Märkte besitzt die moderne Tauschwirtschaft auf mehreren 
verschiedenen Gebieten. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, daß sie 
sozusagen spontan entstehen oder in der „Natur‘“ gegeben sind. Die 
freie Konkurrenz wurde von der klassischen Ökonomie in der Haupt- 
sache nur als ein Nichteingreifen der öffentlichen Gewalt, eine Ab- 
wesenheit der bewußten Organisation und des geregelten Zusammen- 
wirkens aufgefaßt. Diese rein negativen Voraussetzungen schaffen aber 
keinen Markt. Die moderne Stadtgemeinde organisiert ebensowohl 
wie die mittelalterliche einen Lebensmittelmarkt, baut Hallen und 
Schlachthäuser, stellt Makler an und schafft eine Stelle für Notierungen 
und erreicht damit eine geordnete Versorgung ihrer Lebensmittel- 
bedürfnisse zu Preisen, die der wirklichen Knappheit der Produktions- 
möglichkeiten annähernd entsprechen. Eine geordnete Notierung und 
eine Organisation, die einen Absatz zu den notierten Preisen ermöglicht, 
sind notwendige Bedingungen jedes entwickelten Markts. Diese Be- 
dingungen sind im höchsten Grade erfüllt von den großen Produkten- 
und Effektenbörsen, die ebenfalls ihre eigentliche Aufgabe in einer der 
wirklichen Lage von Angebot und Nachfrage entsprechenden Preis- 
bildung haben, die aber auch bekanntlich Ergebnisse einer sehr strengen 
und hoch entwickelten Organisation darstellen. In allen diesen Fällen, 
wo ein Markt geschaffen ist, herrscht ein Zustand, der wohl am nächsten 
dem etwas unbestimmten Ausdruck ‚freie Konkurrenz“‘“ entspricht. 
Eine freie Konkurrenz existiert also in gewissem Umfang in unserer 
modernen Tauschwirtschaft, aber diese freie Konkurrenz ist nicht der 
sozusagen von selbst gegebene Zustand einer vollständig unorganisierten 
und unregulierten Tauschwirtschaft, sondern erst eine Frucht bewußter 
Bestrebungen, Bedingungen für eine rationelle Preisbildung nach dem 
Prinzip der Knappheit zu schaffen. 
Erst wo ein so organisierter Markt vorhanden ist, wird der Ab- 
satz so gesichert, daß es überhaupt möglich wird, „für. den Markt‘ zu 
produzieren, erst dann ist auch die Zufuhr so gesichert, daß die Kon- 
sumenten vom Markt versorgt zu werden erwarten können. Wenn 
aber diese Bedingung nicht erfüllt ist, kann man meistens gar nicht 
oder nur mit großen Schwierigkeiten für einen unbestimmten „Markt“, 
d. h. nur in der Hoffnung, einen Käufer zu finden, produzieren, zumal 
da mit dem Fehlen eines geordneten Marktes auch allgemeine Preis- 
notierungen fehlen. Es zeigt sich dann auch oft, daß die Käufer sich 
nicht darauf verlassen können, immer einen Verkäufer zu finden. In 
allen solchen Fällen können wir starke Tendenzen zur Aufhebung der
	        
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