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DAS HOTEL- UND GASTGEWERBE
wurde. Fuhr natürlich abends in die Oper. „Rigoletto“. Verdis von
Leidenschaften durchtobtes, melodienreiches Werk. „Ach, wie SO
irügerisch sind Frauenherzen“, sang der leichtsinnige Herzog, und man
vergaß über dem Schmelz der wundervollen Tenorstimme, daß das Herz
des genußfrohen Jungen da oben auf den Brettern an „trügerischem“
nichts, absolut nichts zu wünschen übrig ließ. Selbstverständlich saß ich
im festlichen Smoking ebenso selbstverständlich zwischen zwei lieb-
reizenden jungen Frauen. Beide zum Anbeißen, auch wenn sie sich
nicht in duftige Gesellschaftskleider gehüllt hätten. Aber so waren sie
natürlich sogar zum Aufessen, Unsere Stimmung war also festlich.
Aber als wir die Blicke im Raum umherschweifen ließen — Schau ich
umher im edlen Kreise — da wurden wir jählings ernüchtert. Die
Mehrzahl der Herren in. hellen Straßenkleidern, vereinzelt sogar in
neckischen Knickerbockers, die auch aus dem ernstesten Mann eine
komische Figur zu machen wissen. Bei den Damen überwog der dunkle
Rock mit heller Bluse. Brr! Und der Thermometer unserer Lebens-
freude sank auf Null. Ach, wie so trügerisch sind Weiberherzen! Sie
wollen sich zum Theaterbesuch nicht mehr festlich anziehen. Und ich
hatte, wie ich das aus der Vorkriegszeit von der Dresdner Oper her
gewöhnt war, im Frack erscheinen wollen. Verhüllt, ihr Musen, euer
Haupt.
Nun, wir hofften auf „nachher“. Auf den Abend nach dem Opernabend.
Ein flinkes Auto führte uns in eine vornehme Gaststätte Unter den Linden,
ein Lieblingsziel der guten Gesellschaft. In jenen schönen Zeiten, von
denen ich eben träumte, bekam man dort nach dem Theater keinen Tisch,
wenn er nicht vorher bestellt war. Der Rahmen war stimmungsvoll und
elegant wie einst. Die Bedienung war aufmerksam und sorgfältig wie
einst. Küche und Keller überboten sich in ihren Darbietungen — —
wie einst. Nur die Gäste waren nicht wie einst. Es gab leere Tische.
Es gab Herren im Straßenanzug, Damen in Promenadenkleidern. Außer
meinen zwei reizenden Begleiterinnen waren nur noch zwei Damen in
großer Toilette erschienen, aber es war „Film“, anscheinend, dem
Appetit nach, sogar nur Komparserie. Also auch hier: Tempi passati!
Absichtlich habe ich die Erinnerung an das schöne, unvergessene Einst
anklingen lassen, weil ich weiß, daß ich unter den „älteren Jahrgängen“
viele Leidensgefährten habe, die gleich mir dem Entschwundenen nach-
trauern. Wir wollen die schöne Zeit in ihrem alten Glanz wieder auf-
leben lassen. Wir wollen eine geistige G. m. b. H. gründen zwecks
Wiederanknüpfung der Fäden, die uns unsichtbar noch immer mit dem
unvergessenen Einst verbinden.
Laßt uns mit dem guten Beispiel vorangehen. Laßt uns der heutigen
Jugend zeigen, um wie viele genußreiche, ästhetisch schöne Stunden
sie sich selbst bringt, wenn sie vergißt, was uns einst jung gemacht, jun8
erhalten hat: Die frohen Stunden in liebenswürdiger Geselligkeit, im
Theater, nach dem Theater, Wir wollen sie wieder zum Fest werden
lassen, indem wir uns festlich kleiden und sie festlich begehen. Warum
auch nicht? Der Alltag bringt uns so viel Schweres, daß Ausspannung
zur Pflicht wird. Mit den Alltagskleidern wollen wir den Alltagsmenschen
abstreifen, mit dem festlichen Gewand einen neuen Adam anziehen.