532
Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
die zwingende Einmischung der Staatsgewalt bei ihnen erst an zweiter
Stelle, da für sie die familienmäßige, die korporative oder die kooperative
Assoziation an erster Stelle stehen. Wie könnte dies auch anders sein,
da jede Kirche, schon auf Grund der Bedeutung des Wortes, eine Asso
ziation ist. Vor allen Anderen ist dies die römisch-katholische Kirche,
und was man auch sonst über sie denken möge, sie ist jedenfalls die groß
artigste und die am festesten zusammengefügte Assoziation, die jemals
unter den Menschen bestanden hat, da sie durch die Bande einer Soli
darität, die sogar das Grab nicht lösen kann, die Ecclesia militans hier
unten und die Ecclesia triumphans dort oben, hier die Lebenden umfaßt,
die für die Toten beten, und dort oben die Heiligen, die für die Sünder
eintreten.
Vom Gesichtspunkte ihrer Gesellschaftskonstruktion aus aber ent
ziehen sich diese Schulen jeder Klassifizierung. Man kann freilich sagen,
daß sie alle eine Gesellschaft erstreben, in der alle Menschen als Söhne
des gleichen himmlischen Vaters 1 ) Brüder sein werden. Aber es gibt viele
unterschiedliche Arten, diese brüderliche Gleichheit zu verstehen. Auch
kann man sagen, daß sie alle, wie schon die Kanoniker des Mittelalters
taten, von dem gerechten Preise und von dem gerechten Lohne sprechen,
womit gesagt werden soll, daß sie sieh weigern, zuzugeben, die Arbeit
des Menschen sei nur eine Ware, die dem Spiel des Gesetzes von Angebot
und Nachfrage überliefert ist; sie sehen in der menschlichen Arbeit etwas
Heiliges: und schon das römische Recht gab nicht zu, daß die Res sacrae
Gegenstände des Handels werden dürften. Sobald es sich aber darum
handelt, ein Programm aufzustellen, trennen sich die Wege. Denn wenn
in der Heiligen Schrift die Stellen über die wirtschaftlichen und sozialen
Fragen zahlreich genug sind, so sind sie auch allgemein genug, um den
verschiedensten Lehren als Stützpunkte dienen zu können.
Vielleicht wird man denken, daß es nicht recht lohne, diesen Dok
trinen ein besonderes Kapitel zu widmen, einmal wegen ihres mehr mora
lischen als wirtschaftlichen Charakters, und dann, weil wir hier nicht’
wie in den vorhergehenden Kapiteln, die Namen bedeutender Meister
finden, die die Wissenschaft mit selbständigen Beiträgen bereichert haben
—, abgesehen von Le Play, der aber doch nur in recht loser Verbindung
mit dieser Schule steht. Es gibt jedoch große Gedankenströmungen,
die an fast keine Namen gebunden sind: die Bedeutung einer Lehre soll
sich auch weniger aus dem Ruhm ihrer Urheber als aus ihrem Einfluß
auf die Gemüter ergeben; und es kann nicht geleugnet werden, daß dm
christlich-sozialen Ideen einen wirklichen und tiefgehenden Einfluß aU
*) Nicht ein Christlich-Sozialer, sondern der Gründer dos PositiVismus, Auguste
Comte, hat gesagt: „Die ursprüngliche Gleichheit der Menschen ist nicht eine a
Beobachtung beruhende Tatsache . . . Klar ist sie zum ersten Male vom Christentu
behauptet worden'* (Trait6 de Politique, Bd. I, S. 407).