I. DIE INNEREN MERKMALE DES STAATES 271
Jahre haben uns genügend deutlich gezeigt, welch schwere Gefahren
für einen Staat entstehen, wenn diese Verkehrsmittel ganz oder auch
nur zeitweise versagen. Sie führen aber teilweise und gerade in wichtigen
Strecken über die Grenze des eigenen Staates hinaus und vermitteln
so auch einen Teil des internationalen Warenaustausches und
Personenverkehrs. — Diesem dienen in noch höherem Maße die Seehäfen
eines Staates. Ihre größere oder geringere Bedeutung hängt
nicht nur von ihrer Lage, sondern auch von ihrer Beschaffenheit ab,
als Tiefe des Fahrwassers, Beschaffenheit des Ankergrundes, technischen
Einrichtungen. Binnenschiffahrt und Eisenbahn sind nicht nur
Helfer der bereits vorhandenen Wirtschaft, sondern sie gehen ihr unter
Umständen auch voran, indem sie die wichtigsten Mittel zur Erschließung
und Förderung bisher wenig entwickelter Gebiete sind.
Man denke an die wirtschaftliche Erschließung Afrikas, des amerikanischen
Westens oder Sibiriens durch Bahnbauten, an die Förderung des oberschlesischen
und rheinischen Bergbaus und der dortigen Industrien durch die Verbesserung
der Oderschiffahrt und durch den Rhein-Ems- und Mittellandkanal,
Ferner festigen namentlich Eisenbahnen, aber auch Wasserstraßen
unmittelbar den inneren Zusammenhalt eines Staates, indem sie
seine Teile wie große Klammern aneinanderbinden. Deshalb streben
ja auch großräumige politische Gebilde mit allem Eifer danach, alle
ihre Glieder an ein in sich zusammenhängendes Bahnnetz anzuschließen.
Alle europäischen Staaten verfügen heute über ein in allen seinen Teilen zusammenhängendes
Bahnnetz. Die Vereinigten Staaten haben mit erstaunlicher
Schnelligkeit den Atlantischen Osten mit dem Pazifischen Westen durch eine
große Zahl mächtiger durchgehender Bahnlinien — durch die Pazifikbahnen —
verknüpft. Rußland hat in erster Linie zur festeren Bindung Sibiriens an das
europäische Stammland die Transsibirische Bahn geschaffen. Die Anatolische,
die Hedjas- und die Bagdadbahn sollten die weit auseinanderliegenden Glieder
des Türkischen Staates zusammenketten. Der „Balkanzug“ war der äußere Ausdruck
für den Zusammenschluß der im Weltkriege verbündeten Mittelmächte.
Die chinesische Nord-Süd-Bahn Peking— Kanton soll neben dem Austausch der
Erzeugnisse Nord- und Südchinas auch der politischen Festigung beider Teile
dienen, ebenso wie es der „Kaiserkanal“ in früheren Zeiten tat. Auf demselben
Gedanken beruhen zahlreiche noch nicht ausgeführte große Bahnprojekte (vgl.
S. 1741. über die Kap—Kairo-—Kalkutta-Linie und die Transsaharische Bahn).
Zu der wirtschaftlichen und politischen Rolle der Bahnen kommt
drittens ihre strategische Bedeutung, für deren Vorhandensein nach
einem vierjährigen Kriege kein Beweis mehr erbracht zu werden braucht.
Nur in geringerem Maße kommt eine solche auch den Kanälen zu.
Wirtschaftliche, politische und strategische Bedeutung der
Eisenbahnen machen sie heute zu einem der wichtigsten Machtmittel
eines gesunden Staatswesens, und daher ist es erklärlich, daß die politisch
bedeutsamsten Staaten über die dichtesten und größten Bahnnetze
verfügen.
Wirtschaftliche Verhältnisse und Politik. Je gesunder die wirtschaftlichen
Verhältnisse eines Staates sind, desto gesicherter ist sein
Bestand. Denn eine günstige Wirtschaftslage ist das beste Vorbeugungsmittel
gegen innere Erschütterungen des Staates; sie beschleunigt den
natürlichen Bevölkerungszuwachs und gibt bei kriegerischen Verwick-