240 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.
Gewinnbildung dadurch zu erfüllen, daß der Verband eine Preis
politik treibt, welche bei steigenden und hoch gestiegenen Rohstoff-
preisen nicht mit dem Tagespreis für Rohstoffe rechnet und darauf
verzichtet, die momentanen Gewinnchancen einer vorübergehenden
Hochkonjunktur auf das Äußerste auszunutzen, dafür aber auf der
anderen Seite auch bei fallendem Preise der Rohstoffe und abgehen
der Konjunktur auf einen allmählichen Abbau der Preise hält. Eine
solche Preispolitik setzt voraus, daß man vom Auslandsmärkte
und vom ausländischen Wettbewerbe bis zu einem gewissen Grade
unabhängig ist, ferner, daß der Verband außerordentlich festgefügt
und gut in der Hand seiner Leitung ist. Diese Voraussetzung ist fast
nur bei alten, fest eingelebten Verbänden gegeben, die eine nicht zu
große Zahl von Mitgliedern von nicht allzu verschiedener Betriebs
und Wirtschaftslage umfassen. Vor allem macht sich geltend, daß
sich auf diese Weise wohl die Wirkungen der Konjunkturschwan
kungen auf die Industrie, auf ihren Verband und auf die Abnehmer
mildern lassen, daß jedoch die Unterschiede der Selbstkosten von
Werk zu Werk, die sich aus den Betriebsverhältnissen und der Roh
stoffdisposition ergeben, bestehen bleiben, die heute oft von so ent
scheidender Bedeutung sind 1 ).“
Es liegen also zweifellos in diesen Industrieorganisationen ge
wisse Tendenzen und Kräfte vor, welche planmäßig imstande sind,
durch ihre Kenntnis der Marktlage einen Einfluß auf die Preise, auf
die Entwicklung der Ausfuhr und damit auch einen Einfluß auf die
Gestaltung der Hochkonjunktur auszuüben, hier Übertreibungen und
Ausschreitungen hintanzuhalten und damit auch dahin zu wirken, daß
ein eventueller Konjunkturrückgang sich weniger jäh und plötzlich
vollzieht, als es sonst der Fall gewesen wäre. Ob sich dann freilich
diese Kräfte überall in die Tat umsetzen und den ihnen' möglichen
Einfluß auch wirklich ausüben, ist dann eine andere Frage. Es
sind hier die allermannigfaltigsten Einflüsse möglich, unter welchen
man die Ziele und Wünsche der leitenden Männer nicht an letzter
Stelle nennen darf. Auch die Kartelle setzen sich aus Betrieben'
mit einer durchaus kapitalistischen Grundlage zusammen. Auch
in ihnen ist ein dauerndes Verwertungsbedürfnis des angelegten
Kapitals mit. großer Kraft wirksam und das Kartell wird sich nicht
immer diesem hier vorhandenen Gewinnstreben' entziehen können,
wenn dieses einmal in Widerstreit mit solchen Maßnahmen gerät,
welche, vielleicht auch in den Augen der Kartellleiter, im Interesse
einer ruhigen Weiterdauer der Konjunktur als wünschenswert er-
1 ) Beckerath, Kräfte. A. a. 0. S. 35.