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Die Reform der Aristotelischen Psychologie.
— zum Guten selbst, das über alles Sein, über alles Leben und
allen Verstand hinausliegt“.2%) Die Relativität, die noch eben
als eine Notwendigkeit des menschlichen Erkennens begriffen
schien, erscheint somit hier wiederum als seine Schranke. (Vgl.
a. ob. S. 96.) In diesem Zwiespalt offenbart sich ein tieferer ge-
danklicher Widerstreit, der die gesamte Philosophie der Re-
naissance durchzieht und der uns noch in mancherlei Formen
begegnen wird.
Die Reform der Aristotelischen Psychologie.
Es wäre geschichtlich einseitig und ungerecht, wenn man
das entscheidende und positive Ergebnis der Renaissancephilo-
sophie lediglich in der Bekämpfung des Aristotelismus er-
blickte. Das neue Verständnis der antiken Kultur, das jetzt
gewonnen wird, kommt. auch der Erfassung der echten Peri-
patetischen Lehre zugute. Der Scholastik werden nun die Grund-
gedanken ihres eigenen Meisters in der genaueren und reineren
Fassung, in der die philologische Kritik sie wiederhergestellt hat,
entgegengehalten: auf den originalen Denker Aristoteles beruft
man sich, um Aristoteles als Schulhaupt zu stürzen. Leonardo
Bruni, der erste Uebersetzer der wichtigsten Platonischen Dialoge,
überträgt auch die Aristotelische Politik und die Nikomachische
Ethik und sieht im Studium dieser Werke die echte, sachliche
Vorbedingung der humanistischen Erziehung und der Bildung
zum Redner. Der Gedanke einer Versöhnung und Vereinigung
bleibt sodann in den Kreisen der Florentinischen Akademie herr-
schend: wie er schon von Bessarion ausgesprochen war, so wird
er insbesondere von Giovanni Pico della Mirandola fest-
gehalten und als eigentliches Endziel bezeichnet.®) Nicht die
Befangenheit in der geschichtlichen Veberlieferung spricht sich
in solchen Versuchen aus, sondern die freiere, dogmatisch nicht
beengte Auffassung, die man von der Peripatetischen Lehre selbst,
ihrem Gehalt und ihren Entstehungsbedingungen gewonnen hatte.
Von den Einzelsätzen des Systems, die zuvor als unveräusserlicher