Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

108  Zweiter  Teil.  Handel.  III.  Zur  Geschichte  von  Handel  und  Industrie  rc.

eisen,  später  auch  aus  Gußeisen.  Nach  neueren  Forschungen  scheint  Siegen  sogar
der  erste  Platz  gewesen  zu  sein,  an  dem  überhaupt  Geschütze  gegossen  wurden  (1444?).
Wie  wir  vorher  sahen,  berührte  der  Flügelschlag  einer  neuen  Zeit  das  Siegerland ­
  erst  verhältnismäßig  spät.  Allerdings  hatte  schon  die  Hütten-  und  Hammerordnung ­
  von  1830  mit  manchen  unberechtigten  Eigentümlichkeiten  aufgeräumt:  beispielsweise ­
  gab  sie  den  Verbrauch  von  Steinkohlen  frei  und  ließ  die  Umwandlung  der
Hammertage  in  Hüttentage  zu;  dadurch  setzte  sie  die  Hütten  in  den  Stand,  ihre  Reisen
auszudehnen  und  Koks  mit  zu  verschmelzen,  also  wirtschaftlicher  als  früher  zu  arbeiten.
Auch  waren  feit  den  dreißiger  und  vierziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  an  die
Stelle  der  alten  Eisen-,  Stahl-,  Reck-  und  Raffinierhämmer  allmählich  die  für  Steinkohlenfeuerung ­
  eingerichteten  Walz-  und  Puddelwerke  getreten,  und  endlich
begannen  auch  die  etwa  gleichzeitig  entstandenen  Maschinenfabriken  und
Walzengießereien  eine  gewisse  Bedeutung  zu  erlangen.  Aber  trotzdem  gab
es  noch  im  Jahre  1861  im  Kreise  Siegen  nur  50  Fabrikbetriebe  mit  1205  Arbeitern,
nämlich:
38  Eisen-(Hütten-  und  Walz-)Werke  .  .  .  860

2  Stahlwerke  4
1  Drahtwalzwerk  91
4  Maschinenfabriken  110
5  Gießereien  140

50  Betriebe  1205  Arbeiter

Erst  die  Einbeziehung  in  den  Eisenbahnverkehr  machte  das  Siegerland  zu  einem
vollberechtigten  und  vollwertigen  Gliede  unseres  Wirtschaftskörpers  und  trug  hauptsächlich ­
  zur  Entwickelung  seiner  Industrie  in  größerem  Stile  bei.  Selbstverständlich
wirkten  auch  noch  andere  Faktoren  unmittelbar  oder  mittelbar  dabei  mit;  wir  brauchen
nur  zu  erinnern:  an  die  Errichtung  des  Norddeutschen  Bundes  und  des  Deutschen
Reiches,  an  die  liberale  Landes-  und  Reichsgesetzgebung  der  sechziger  und  siebziger
Jahre  (Berggesetz  1865,  Gewerbeordnung  1869  usw.),  an  den  allgemeinen  wirtschaftlichen ­
  Aufschwung  im  In-  und  Auslande  und  an  die  epochemachenden  technischen
Erfindungen  der  neueren  Zeit,  namentlich  auch  auf  dem  Gebiete  des  Eisenhüttenwesens ­
  (Flußeisenerzeugung  in  der  Birne  und  im  Flammofen:  Bessemer-,  Thomasund
  Siemens-Martin-Verfahren  usw.).  —
Am  18.  Januar  1911  waren  40  Jahre  seit  jenem  denkwürdigen  Tage  verflossen,
an  dem  König  Wilhelm  von  Preußen  aus  dem  Hause  Hohenzollern  im  Spiegelsaale
des  Schlosses  zu  Versailles  die  deutsche  Kaiserwürde  erneuerte  und  übernahm.  „Uns
und  unfern  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone  —  so  hieß  es  am  Schluffe  der  Proklamation, ­
  durch  die  er  dem  deutschen  Volke  diese  weltgeschichtliche  Tat  kundgab  —  wolle
Gott  verleihen,  allzeit  Mehrer  des  Deutschen  Reichs  zu  sein,  nicht  an  kriegerischen
Eroberungen,  sondern  an  den  Gütern  und  Gaben  des  Friedens  auf  dem  Gebiete
nationaler  Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung".
Daß  diese  Bitte  kein  Rauch  und  kein  Schall,  kein  tönendes  Erz  und  keine  klingende ­
  Schelle  war,  sondern  der  Ausdruck  echter  Frömmigkeit,  hohen  sittlichen  Ernstes
und  tiefer  politischer  Weisheit,  ein  Zeichen  froher  lebendiger  Hoffnung  und  zielbewußter ­
  schöpferischer  Kraft,  und  daß  sie  deshalb  mit  einer  gewissen  inneren  Notwendigkeit ­
  Erhörung  finden  mußte,  wie  sie  ja  auch  Erhörung  gefunden  hat,  davon  konnte
25  Jahre  später  kein  Geringerer  als  der  Enkel  in  jener  Rede  Zeugnis  ablegen,  in
der  er  den  Übergang  Deutschlands  vom  Agrarstaate  zum  Jndustriestaate,  die  Verflechtung ­
  unserer  Volkswirtschaft  in  die  Weltwirtschaft  mit  dem  ihm  eigenen  feurigen
Schwünge  feierte.  „Aus  dem  Deutschen  Reiche  —  rief  Wilhelm  II.  damals  aus  —
ist  ein  Weltreich  geworden.  Überall  in  fernen  Teilen  der  Erde  wohnen  Tausende
unserer  Landsleute.  Deutsche  Güter,  deutsches  Wissen,  deutsche  Betriebsamkeit  gehen
            
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