Object : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

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Wohltaten  der  neuen  industriellen  Ordnung  zu  übersehen,  zu  feinfühlig,
um  nicht  von  gewissen  ihrer  traurigen  Folgen  berührt  zu  werden,  zu  konservativ ­
  und  zu  weise,  um  eine  vollständige  Umwälzung  der  Gesellschaft
sich  vorstellen  zu  können,  —  steht  er  erstaunt  und  betrübt  über  die  Ohnmacht ­
  des  Menschen  vor  dem  Übel.  Dazu  kommt,  daß  er  sich  nicht  stark
genug  fühlt,  das  Heilmittel  zu  entdecken.  In  bescheidenen  und  zugleich
rührenden  Worten  gesteht  er  dies  selbst  ein.
,,Ich  muß  zugeben,  daß  ich,  nachdem  ich  gezeigt  habe,  wo  meiner
Ansicht  nach  das  Prinzip  liegt,  und  wo  die  Gerechtigkeit,  nicht  die  Kraft
in  mir  fühle,  die  Mittel  zur  Abstellung  der  Übelstände  und  zur  Verwirklichung ­
  eines  besseren  Zustandes  zu  finden.  Die  Verteilung  der  Arbeitsfrüchte ­
  zwischen  denen,  die  zu  ihrer  Erzeugung  beitragen,  erscheint
mir  voller  Fehler:  aber  ich  habe  den  Eindruck,  als  ob  es  fast  über  die
menschliche  Kraft  ginge,  sich  eine  Ordnung  des  Eigentums  vorzustellen,
die  von  der  uns  bekannten  völlig  verschieden  sei“ 1 ).  (Neue  Grundsätze,
II,  364.)

Es  ist  auffallend,  bei  Sismondi  schon  recht  entwickelte  Keime  verschiedener ­
  Tendenzen  zu  sehen,  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  eine
wachsende  Bedeutung  erlangen  sollten.  Er  ist  der  erste  Gegner,  den
die  klassische  Schule  auf  ihrem  Wege  fand,  und  er  faßt  schon  die  hauptsächlichsten ­
  „Ketzereien“  zusammen,  gegen  die  sie  später  zu  kämpfen
hatte,  und  denen  sich  an  ihrer  Stelle  die  Gunst  der  öffentlichen  Meinungen
zuwenden  sollte.  Ist  es  nun  das  Werk  Sismondi’s,  das  diese  neuen  Tendenzen ­
  hervorgerufen  hat  ?  Es  erscheint  das  wenig  wahrscheinlich.  Sein
unmittelbarer  Einfluß  war  sehr  beschränkt;  er  hat  sich,  wie  wir  bald
sehen  werden,  nur  auf  die  Sozialisten  erstreckt.  Sein  Buch  ist  ziemlich
schnell  vergessen  worden,  bis  man  heute  von  Neuem  seine  Bedeutung
begriffen  hat.  Es  würde  der  Wahrheit  näher  kommen,  wenn  man  sagte,
daß  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  eine  Renaissance  und  eine  spontane
Entwicklung  der  Ideen,  die  sich  in  Sismondi  verkörpert  hatten,  eintrat.
Trotzdem  bleibt  er  aber  der  erste,  der  den  Mut  fand,  seine  Stimme  gegen
Prinzipien  zu  erheben,  die  auf  dem  besten  Wege  waren,  Dogmen  zu  werden.
Als  der  erste  weist  er,  entgegen  der  herrschenden  Meinung,  auf  Tatsachen
hin,  die  nicht  mit  den  großen  und  einfachen  Generalisationen  seiner  Vorgänger ­
  übereinstimmen.  Wenn  er  daher  nicht  das  Haupt  der  neuen
Schulen  geworden  ist,  die  entstehen  sollten,  so  war  er  doch  ihr  Vorläufer.
Sie  wie  er  werden  von  den  gleichen  Gefühlen  gelenkt.  Beide  formulieren
die  gleichen  Gedanken.
x )  Über  die  Stellung  unseres  Autors  über  die  Arbeiterbewegung  seiner  Zeit  —
f  B.  hinsichtlich  der  Unruhen  von  1813  in  Lyon  —  findet  man  interessante  Einzelheiten
m  dem  Aufsatz  von  Festy  über  Sismondi  in  der  Revue  d’Lconomique  Politique,  Februar
ül >d  April  1918.
            
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