Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

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stehend  verwirft,  so  fragt  er  doch,  oh  man  in  ihnen  nicht  eine  Lehre  finden
könne,  um  den  Mißbräuchen  der  Konkurrenz  einen  Zügel  anzulegen 1 ).
In  Wirklichkeit  scheint  Sismondi  nicht  zu  ahnen,  daß  die  Hemmungen, ­
  die  man  unter  dem  Vorwände,  sofort  eintretende  Leiden  zu
vermeiden,  der  Produktion  auferlegt,  den  Fortschritt  des  Wohlstandes
gerade  der  Klassen,  die  ihn  interessieren,  verlangsamen  würden.  Seine
Stellungnahme  kann  nur  in  einer  Weise  erklärt  werden:  durch  die  irrige
Überzeugung,  daß  zurzeit  schon  die  europäische  Produktion  genüge,
um  alle  Bedürfnisse  zu  befriedigen 3 ).  Niemals  hat  Sismondi  die  relative
Armut  der  industriellen  Gemeinschaften  geahnt,  die  auf  J.-B.  Say  einen
so  lebhaften  Eindruck  machte.  Er  versteht  jedoch  sehr  gut,  daß  es  nicht
leicht  sein  wird,  die  Politik  der  Begierungen  in  diesem  Punkte  zu  beeinflussen, ­
  und  seine  Hoffnungen  wenden  sich  nach  einer  anderen  Seite 3 ).
Da  in  der  Ungewißheit  des  Einkommens  und  dem  Fehlen  jeden
Eigentums  der  Arbeiterklasse  die  Hauptursachen  der  bestehenden  Übel
liegen,  so  müssen  sich  die  Bemühungen  der  Begierungen  nach  dieser
Bichtung  hin  betätigen.
Das  erste  zu  verfolgende  Ziel  würde  daher  sein,  überall,  wo  es  möglich ­
  ist,  die  Arbeit  und  den  Besitz  zu  vereinigen.  Daher  empfiehlt  Sismondi ­
  in  der  Landwirtschaft  Bückkehr  zu  dem,  was  er  den  „patriarchalischen ­
  Besitz“  nennt,  d.  h.  Vermehrung  der  Bauern,  die  auf  ihrem  eigenen
Grund  und  Boden  leben.  In  den  Neuen  Grundsätzen  gibt  er  eine
berühmte  Beschreibung  des  Glücks  ihrer  Lage.  In  der  Industrie  möchte
er  den  unabhängigen  Handwerker  wieder  erstehen  sehen:  „Ich  wünsche,
daß  die  Industrie  in  den  Städten  wie  auf  dem  Lande  zwischen  einer  großen
Menge  von  unabhängigen  Werkstätten  verteilt,  und  nicht  unter  einem
einzigen  Herrn,  der  hunderten  und  tausenden  von  Arbeitern  befiehlt,
vereinigt  sei;  ich  wünsche,  daß  das  Fabrikeigentum  unter  einer  großen
Menge  von  mittleren  Kapitalisten  verteilt  sei,  und  nicht  einem  einzigen
Herrn,  der  über  Millionen  gebietet,  gehöre;  ich  wünsche,  daß  der  Industriearbeiter ­
  die  Aussicht,  fast  die  Sicherheit  vor  sich  habe,  Teilhaber  seines
Herren  werden  zu  können,  damit  er  sich  nur  verheiratet,  wenn  er  einen
Anteil  an  dem  Geschäft  besitzt,  anstatt,  wie  er  es  heute  ist,  ohne  jede
Zukunftshoffnungen  zu  altern“ 4 ).  Das  ist  das  Ziel.
Wo  aber  ist  der  Weg?  Hier  zeigt  Sismondi  eine  außerordentliche
Zaghaftigkeit.  Er  ruft  den  Gesetzgeber  zu  Hilfe,  aber  er  wagt  nicht,
ihm  den  Weg  zu  zeigen.  Er  fragt  sich  sogar  in  einem  Anfall  von  Skeptizismus ­
  und  Mutlosigkeit,  ob  dies  möglich  ist.  Er  erklärt  sich  als  Gegner
<les  Kommunismus,  —  er  weist  die  Utopien  Owen’s,  Thomson’s  und
')  N.  P.,  I,  S.  341  und  II,  S.  459.
2 )  N.  P.,  II.,  S.  415  und  435;  siehe  auch  fitudes,  I,  S.  25.
3 )  N.  P.,  I.  S.  363.
*)  N.  P.,  II,  S.  365—366.

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