Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Fourier’s  von  sich,  obwohl  er  die  Übereinstimmung  ihrer  Ziele  mit  dem,
dem  er  nachstrebt,  anerkennt.  Er  scheint  nicht  zu  verstehen,  „daß  diese
Zerstücklung“,  die  er  anpreist,  nicht  weniger  chimärisch  ist,  als  die  kommunistische ­
  Utopie,  die  ihn  erschreckt.  Das  System  Owen’s  weist  er
zurück,  weil  er  darin  „jene  Chimäre,  die  das  persönliche  Interesse  durch
das  der  Korporation  zu  ersetzen  sucht“  sieht;  er  hatte  aber  nicht  begriffen,
daß  es  sich  keineswegs  umKorporation  handelte.  Es  ist  wahrscheinlich,
daß,  wenn  Sismondi  heute  lebte,  er  die  Kooperation  vorgeschlagen
haben  würde.
In  der  Zwischenzeit  aber,  bevor  die  Vereinigung  zwischen  Eigentum ­
  und  Arbeit  verwirklicht  werden  kann,  verlangt  Sismondi  schon
für  die  Gegenwart  gewisse  einfachere  Reformen,  die  bestimmt  sind,  den
drückendsten  Leiden  der  Arbeiterklasse  abzuhelfen.  Zunächst  wünscht
er,  daß  man  den  Arbeitern  das  Koalitionsrecht  zurückgebe,  oder  vielmehr ­
  gewähre 1 ).  —  Weiterhin,  daß  man  die  Kinderarbeit  wie  die  Arbeit
am  Sonntag  verbiete,  und  daß  man  ebenfalls  die  Arbeitszeit  der  Erwachsenen ­
  begrenze 2 ).  Dann  will  er,  daß  man  das,  was  er  „professionelle
Garantien“  nennt,  schaffe,  nämlich  die  Verpflichtung  für  die  Arbeitgeber
(landwirtschaftliche,  wie  Fabrikarbeitgeber),  auf  ihre  Kosten  den  Arbeiter
während  der  Zeiten  der  Krankheit,  der  Arbeitslosigkeit  und  des  Alters
zu  unterhalten.  Wenn  diese  Forderung  anerkannt  wäre,  würden  die  Arbeitgeber ­
  kein  Interesse  mehr  daran  haben,  den  Lohn  ihrer  Arbeiter  beständig
zu  verringern,  —  oder  Maschinen  einzuführen,  oder  schließlich  die  Produktion ­
  ohne  Notwendigkeit  zu  vermehren.  Wenn  sie  für  das  Schicksal
ihrer  Arbeiter  verantwortlich  wären,  würden  sie  die  Wirkungen  in  Betracht ­
  ziehen,  die  alle  Neuerungen,  die  sie  heute  nur  vom  Gesichtspunkt
ihres  Profites  aus  ins  Auge  fassen,  auf  das  Wohlsein  ihrer  Arbeiter  haben 3 ).
Man  könnte  versucht  sein,  in  diesem  Vorschlag  eine  Vorahnung  der  großen
sozialen  Versicherungsgesetze  zu  sehen,  die  die  europäischen  Staaten
seit  30  Jahren  bei  sich  eingeführt  haben.  Das  trifft  jedoch  nur  teilweise  zu.
Denn  für  Sismondi  ist  der  Arbeitgeber,  und  nicht  die  Gesellschaft,  derjenige, ­
  der  diese  Lasten  zu  übernehmen  hat.  —  Das,  was  er  gerade  den
englischen  Unterstützungsgesetzen,  besonders  dem  berühmten  Armengesetz ­
  vorwirft,  ist,  daß  es  die  Löhne  erniedrigt  und  die  Gleichgültigkeit
der  Arbeitgeber  erhöht,  indem  es  sich  an  die  Stelle  der  Hilfe  setzt,  die
sie  den  Arbeitern  leisten  sollten.
Im  Ganzen  zeigt  die  Haltung  Sismondi’s  sowohl  in  seinen  Reformprojekten,
  wie  in  seiner  Kritik  der  Ökonomisten  jene  Zaghaftigkeit  und
jene  Unsicherheit,  die  sich  aus  einem  beständigen  Konflikt  zwischen
seinem  Verstände  und  seinem  Gefühle  ergaben.  Zu  intelligent,  um  die

0  N.  P.,  II,  S.  451.
2 )  N.  P.,  II,  S.  338.
3 )  N.  P.,  II,  S.  661.
            
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