282 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler.
an dem er sich über den Erkenntniswert des Mathematischen
überhaupt orientiert. In dieser Beschränkung zeigt er seine lo-
gische Meisterschaft. So befestigt und stärkt er modernen Ein-
wänden gegenüber von neuem die Autorität Euklids, Von
Petrus Ramus war der Vorwurf gegen Euklid erhoben worden,
lass er die wahre methodische Ordnung verleugne, indem er einen
Inbegriff verschiedenartiger Definitionen an die Spitze stelle, statt
für jedes Einzelgebiet und jedes Einzelproblem erst dann, wenn
es im Fortschritt der gedanklichen Entwicklung erreicht sei, den
besonderen logischen Unterbau zu schaffen. „Bringt doch die
Natur, wenn sie den Wald erschaffen will, nicht erst die Wurzeln
aller Bäume hervor und legt doch der Architekt beim Erbauen
einer Stadt nicht erst den Grund zu sämtlichen Gebäuden“.%)
Gegen eine derart oberflächliche Betrachtung und Beurteilung
führt Kepler wiederum seine tiefere Einsicht in das Wesen der
wissenschaftlichen „Hypothese“ ins Feld. Das ist der Grundirrtum
ler Gegner, dass sie den wahren Sinn der „Elemente“ nicht zu
fassen vermögen: dass sie darunter nur eine vielfältige beziehungs-
lose Menge von Begriffen und Theoremen verstehen, die auf alle
Sorten von Grössen anwendbar und für deren wissenschaftliche Be-
handlung tauglich sind. In dieser Auffassung wird der Architekt
les Gebäudes der Geometrie zum blossen Handlanger erniedrigt,
der das Material herbeizuschaffen und allenfalls zu bearbeiten
hat. Für Euklid dagegen liegt die eigentliche Bedeutung des Ele-
ments nicht in der Materie, sondern in der Form: nicht das
zzor/eiov, sondern die otoryelmwcıc, die Art und Notwendigkeit der
Verknüpfung ist es, die ihn fesselt,8%) Die Geometrie bleibt somit
für Kepler das Vorhild und Richtmaass für jegliche Art begriff-
licher Deduktion. Die Rangordnung, die das Erstlingswerk Keplers,
das „Mysterium Cosmographicum“, feststellt, bleibt für sein fer-
neres wissenschaftliches Schaffen maassgebend. Die Aufgabe, die
hier gestellt ist, die Struktur des Universums auf die Gestalt der
fünf regulären Körper zurückzuführen, hat sich allmählich vertieft
und erweitert; immer aber bleibt der Gedanke herrschend, dass
in den geometrischen Bildern und Formen, die dem Geiste ein-
gegraben und mitgegeben sind, der „Archetyp“ der äusseren
Welt enthalten sei. Auch alle Würde, die wir der reinen Zahl
zusprechen mögen, stammt zuletzt und ursprünglich aus der Geo-