Die Kritik des Aristotelischen Formbegriffs.
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müssen.1®) Der Begriff des Weltorganismus verbietet, irgend eine
einzelne Art schlechthin als Mittel für die Ziele einer höheren
zu denken: er fordert, das wir in jedem, noch so begrenzten Sein
das Gesamtgesetz vollständig verkörpert finden. An Stelle der
äusserlichen Betrachtung des Zwecks tritt die Erkenntnis der
durchgehenden Harmonie im Bau und in der Entwicklung aller
Lebewesen. So können wir von der Verwandlung einzelner Pflan-
zenarten in einander auf den gleichen Prozess im gesamten Be-
reich des Organischen schliessen; so verstatten uns bestimmte onto-
genetische Vorgänge, wie die Entwicklung der Raupe zum Schmet-
terling, einen Einblick in die prinzipielle Möglichkeit der Um-
bildung der tierischen Spezies. Solche Gedanken, die sich z. B
bei Vanini finden,!‘) treten freilich noch zusammenhangslos und
antermischt mit abenteuerlichen Analogien und Spekulationen
auf; aber sie deuten dennoch auf eine umfassende geistige Be-
wegung zurück. Dem Naturbegriff erwächst, verglichen mit der
mittelalterlichen Anschauung, ein tieferer Sinn. Nicht unmittelbar
als Abbild der Gottheit, sondern nach dem Muster der Welt, also
als „Bild des Bildes“ ist — wie Agrippa von Nettesheim ausspricht
- der Mensch geschaffen: nicht direkt, sondern nur durch die
Vermittlung der gesamten organischen Wirklichkeit vermag er
sich somit zu erkennen und seine Beziehung zum „Absoluten“ zu
arfassen.!) Schon die ausgehende Scholastik hatte in Raimund
von Sabonde auf diesen Gedanken hingedeutet, der sodann in der
Schule des Nikolaus Cusanus durchgebildet und weitergeführt
wurde: jetzt wächst er im Natursystem des Paracelsus zu zen:
iraler Bedeutung heran.
Die Grundansicht des Paracelsus von der wechselseitigen
Entsprechung des Mikrokosmos und Makrokosmos setzt ein
neues Verhältnis des Geistigen und Natürlichen voraus. Die iso-
lierte Betrachtung des Menschen muss notwendig ins Dunkel und
in die Irre führen; alles Licht, das wir über sein Wesen zu ge-
winnen vermögen, strahlt lediglich von der Erkenntnis des ein-
heitlichen Lebens der Gesamtnatur zurück. „Also ist der Mensch
ein bildtnuss in eim spiegel gesetzt hinein durch die vier Ele-
ment .. Darumb so ist die Philosophey nichts anders, allein