Abend von dieser Tribüne sagen zu können, ist gerade das Gegenteil
der Fall, das ergibt sich sowohl aus dem Vortrag des Referenten, als
auch aus den Informationen, welche ich persönlich bisher gesammelt
habe, Hier in der Sowjetunion ist das Strafregime auf einem ganz
anderen Prinzip aufgebaut.
Hier ist der Verurteilte trotzdem Mensch, wie ich selbst beob-
achtet habe, nicht ein Feind, sondern ein Kranker, aber nicht ein
„Lombrosos‘” Verbrecher, der in einem Spital unterzubringen wäre
— wir haben keine Spitäler besucht —, sondern ein sozialkranker
Mensch. Das Strafregime in der Sowjetunion ist folgendermaßen zu
verstehen: Ein verurteilter Mensch ist vor allem ein Unwissender,
ein Schwächling; man muß ihn erziehen — und ihn arbeiten lassen.
Ihn leiden lassen, wäre unnütz, es würde ihn erbittern, empören
und unvermeidlich ins Gefängnis zurückführen. Wenn der Mensch
soziale Erbitterung und Leiden kennt, und wenn er im Gefängnis
weder zu seiner Erziehung, noch zu seiner Erhöhung etwas erhalten
hat, so hat er nach seinem Austritt nur den einzigen Weg zu be-
treten, den des Verbrechens,
Einerseits haben wir gehört, was in den kapitalistischen Län-
dern, anderseits, was in dem hiesigen Lande vor sich geht. Der Unter-
schied zwischen dem Strafregime hier und dort läßt sich ganz genau
feststellen: bei uns haben wir einen Verbrecher, der getroffen sein
muß, genauer gesprochen: einen Feind, der niederzuschlagen ist; hier
sehen wir einen Kranken, einen Unwissenden, der Pflege, ärztlicher
Behandlung und Erziehung bedarf, -
In seiner Anwendung ist dieser schöne Gedanke ganz neu, Hier
erkenne ich und begrüße denselben. .
Wäre es denn möglich, durch irgendwelche progressive Refor-
men die Mentalität der kapitalistischen Regierungen radikal. umzu-
gestalten? Wäre es denn möglich, dahin zu gelangen, sie das be-
greifen zu lassen, was man hier mit einem Male verstanden hat?
Ist denn eine aktive Bewegung nicht notwendiger als eine Ideen-
bewegung? Jeder muß sein Gewissen befragen, bevor er darauf
antwortet.
Ich meinerseits habe meine Antwort bereits abgegeben, und ich
hoffe, Sie haben mich verstanden. ;
In unsere Länder zurückgekehrt, können wir unserer Gesinnung
nur in einer aktiven Bewegung Ausdruck seben,
Ehrmann-Jugoslawien:
Ich spreche über Jugoslawien. Das dortige Regime der Unter-
suchungshaft ist gut bekannt, Ich erinnere an verschiedene Fälle,
wie Wujowitsch u. a., wo wir Gelegenheit hatten, einen Einblick in
die jugoslawische Untersuchungshaft zu tun,
Dagegen ist der Strafvollzug in den Gefängnissen der breiten
Oeffentlichkeit so gut wie unbekannt. Ich habe ein Dokument vor
mir, aus dem wir uns mit den Methoden des Strafvollzugs in Jugo-
slawien bekannt machen können, Es ist eine Petition der politischen
Häftlinge in Slawonisch-Mitrowitza an den Justizminister, in der sie
sich über die Behandlung beschweren und den Hungerstreik ankündi-
gen, Die politischen Gefangenen werden keineswegs als solche aner-
kannt. Sie werden als Verbrecher betrachtet. und zwar als eine
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