204 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
läufige Toleranz ist nur ein Ausdruck dafür, daß die Gesellschaftsordnung
noch rückständig ist, sie ist also von Zweckmäßigkeitserwägungen
bestimmt —, da der Bolschewismus die Möglichkeiten
kirchlicher Wirksamkeit immer mehr und mehr einengt, ist es
verständlich, daß die Kirche ihm gegenüber die Ordnung der
bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates vorzieht. Denn hier
ist noch die Möglichkeit zum Wirken gegeben, hier ist noch die
Möglichkeit vorhanden, den Versuch zu machen, die Öffentlichkeit
im christlichen Sinne zu beeinflussen, hier sind noch gesellschaftliche
Grundsätze wirksam, die auf der christlichen Tradition
beruhen. Trotz aller Bedrohungen durch die Entwicklung des
Wirtschaftslebens, trotz aller Lockerungen der Scheidungsgesetzgebung
ist die Einehe noch rechtlich besonders geschützt und
gesichert. Trotz aller ihrer Unvollkommenheiten wahrt die bürgerliche
Gesellschaft also jene Menschenrechte, welche dem Bolschewismus
nicht bekannt sind. Der Staat steht nicht im Dienste einer
bestimmten gesellschaftlichen Doktrin, die mit dem Christentum,
mit jeder Religion schlechthin unvereinbar ist. Das sind die Tatsachen,
welche die Stellung der Kirche im Kampfe gegen den
Bolschewismus an den Seiten der bürgerlichen Gesellschaft begründen.
Neben der grundsätzlichen Unvereinbarkeit der bolschewistischen
Utopie von der sich selbst genügenden Gesellschaft mit der christlichen
Lehre sind es die politischen und gesellschaftlichen Methoden
des Bolschewismus, die seinen Gegensatz zur Kirche begründen.
Der Bolschewismus hat infolge seiner mechanistischen
Gesellschaftsauffassung — er betrachtet gesellschaftliche Umorganisationen
und Umgruppierungen als Mittel zur Wandlung des
menschlichen Wesens — die Neigung, mit Gewalt und äußern
Maßnahmen, Gesetzen, Dekreten usw. gegen alles Bestehende
vorzugehen. Er hat keinen Sinn für Tradition, für Rücksichtnahme
auf Gegebenes. Was sich nicht der ihm als notwendig erscheinenden
Entwicklung fügen will, wird auf alle als politisch zweckmäßig
betrachtete Weise bekämpft, und zwar handelt es sich bei
diesem Kampfe um einen Vernichtungskampf gegen bestimmte
gesellschaftliche Gruppen, gegen Klassen, die als Träger der Ausbeutung
hingestellt werden. Dadurch wird der politische und
soziale Terror gerechtfertigt. Es gitt eben soziale Schichten, die
im Interesse der Menschheit, d. h. der kommenden sozialistischen
Gesellschaft zu verschwinden haben.
Diese Ausschaltung der Gerechtigkeit, auf die alle Staatsbürger
und alle Gesellschaftsglieder Anspruch haben, im bolschewistischen