Full text : Der Bolschewismus

Die Kirche zwischen Bolschewismus und bürgerlicher Gesellschaft. 205

Staate, der bewußt als Partei- und proletarischer Klassenstaat
Organisiert wird, widerspricht der grundlegenden Aufgabe alles
staatlichen und gesellschaftlichen Lebens. Das Allgemeinwohl wird
durch die Konstruktion der Diktatur des Proletariats für die
Gegenwart, für die Übergangszeit ausgeschaltet, es verwandelt
Sich in eine abstrakte Zukunftsvorstellung. Die sozialistische Gesellschaft
 ist Ausdruck des Allgemeinwohls, daher dienen die
Ungerechtigkeit und Grausamkeit des heutigen Klassenkampfes,
der Diktatur des Proletariats dem Wohle der gesamten Menschheit.
Eine abstrakte Menschheitsvorstellung rechtfertigt also jede Gewalt
und Rücksichtslosigkeit in der Gegenwart. Diese Anschauung
Widerspricht nicht nur wegen ihres Inhaltes, der sich selbst genügenden
 sozialistischen Gesellschaft, dem Wirklichkeitssinne der
Kirche, sie ist schon darum mit der kirchlichen Lehre unvereinbar,
weil sie ganze Menschengruppen einfach außerhalb des Gesetzes
stellt, gleichsam als eine Horde schädlicher Tiere betrachtet, die
man mit allen Mitteln zu vernichten habe. Es sind menschliche
Rücksichten, die Ablehnung des durch den Glauben an eine
Zukunftsutopie begründeten bolschewistischen Terrors, die zum
Kampfe der Kirche gegen die bolschewistische Herrschaft führen.
Sie erweist sich dadurch als Schützerin der Wirklichkeit gegenüber
dem Versuche, sie durch den Glauben an bestimmte Entwicklungsgesetze
 zu unterschlagen. Man kann also sagen, daß nicht die
Bolschewisten, sondern die Kirche für die Menschheit kämpft.
Der Bolschewismus hat ganz bestimmte Vorstellungen über
das gesellschaftliche Leben, die er als allgemein verbindlich hinstellen
 will. Es ist für ihn selbstverständlich, daß die Fortschritte
der Technik wichtiger sind als Rücksichten auf Tradition, es
ist für ihn selbstverständlich, daß das Industrieproletariat die
Klasse sei, welche die kommende Entwicklung zu bestimmen habe.
Es ist für ihn selbstverständlich, daß der Großbetrieb zur Grundzelle
 der kommenden Gesellschaft werden müsse, und daß er
daher ihre Grundlagen zu bestimmen habe im Gegensatz zur alten
Ordnung, in der die Familie entscheidend zu sein schien. Gewiß,
der Glaube an diese Vorstellungen kann sich auf viele Wirklichkeiten
 des heutigen Lebens berufen, darin zeigt sich ja gerade der
Zusammenhang des Bolschewismus mit der bürgerlichen Gesellschaft,
 Aber muß man diese Tendenzen beiahen und verherrlichen?
Die Richtung der bolschewistischen Gesellschaftsänderung bewegt
sich auf Bahnen, die nicht zur Beseitigung der Schäden führen,
von denen die bisherige Ordnung gefährdet und bedroht wurde.
Die Berufung auf die Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft,
            
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