38 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.
das Ende der Monarchie zu bedeuten brauche. Sie meinten, daß
der Bruder Nikolaus’ II, der Großfürst Michael, ohne größere
Schwierigkeiten der erste Kaiser oder Regent einer parlamentarischkonstitutionellen
Monarchie werden könne. Diese Erwartung, den
einmal begonnenen Umsturz rasch an einem bestimmten Punkte
zum Stehen bringen zu können, ist für die Grundhaltung der
bürgerlichen Schichten ungemein bezeichnend, die dem neuen Regime
zunächst zuiubelten. Man war der Ansicht, eine soziale
Revolution vermeiden zu können. Aus dieser Einstellung heraus
setzte man sich auch für die Fortsetzung des Krieges ein. War
Rußland nicht jetzt zum wahren und aufrichtigen Verbündeten der
für die Demokratie kämpfenden Westmächte geworden, während
der Zar den Krieg nur mit halbem Herzen geführt hatte, stets der
Versuchung zu erliegen drohte, einen Separatfrieden mit den
Zentralmächten zu schließen, die mit einem monarchistischen
Absolutismus sympathisierten?
Selbst in den Kreisen, die sich als Sozialisten bezeichneten und
als Vertreter der Arbeiter- und Bauernmassen ansahen, merkte
man nicht, daß es unmöglich war, die einmal begonnene Revolution
zum Stehen zu bringen. Es ist durchaus falsch, zu glauben,
daß der aus Führern der sog. Arbeiterparteien, aus angeblichen
Betriebs- und Soldatenvertretern, die sich eigenmächtig ernannt
hatten, zusammengesetzte erste Arbeiter- und Soldatenrat in
Petersburg sich prinzipiell von den bürgerlichen Politikern der
Duma-Opposition unterschieden hätte. Gewiß, es gab in ihm
mehr oder minder mit pazifistischer Terminologie und radikalen
sozialen Plänen spielende Strömungen, aber im Grunde genommen
bildete er ursprünglich nur eine Konkurrenzgruppe gegen die
bürgerlichen Politiker, welche die Macht für sich allein in Anspruch
nahmen. In ihm herrschten sozialistische Politiker, die
Anteil an der Macht haben wollten und dafür sich auf den Willen
der auf die Straße gegangenen Massen beriefen. Den Krieg wollte
die Mehrheit der Sowiets, die nach dem Vorbild Petersburgs sich
bald über Rußland verbreiteten, ebenso fortführen wie die Männer
der bürgerlichen Opposition, aus denen die provisorische Regierung
gebildet worden war, mochten sie sich auch gegen Annexionen
wenden, sich gegen imperialistische Absichten auflehnen,
die Bedeutung des Krieges als des Kampfes um neue demokratische
Methoden in der Politik betonen. Die Wirkung der Sowijets beschränkte
sich darauf, der provisorischen Regierung Schwierigkeiten
zu bereiten, — sie konnten ja für sich den Anspruch erheben.
unmittelbar durch den revolutionären Volkswillen legitimiert