Full text : Der Bolschewismus

36 2. Teil, Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

wenn er dem neuen Machthaber Dienste leistet *®. Typisch ist dafür,
daß die Minister Volkskommissare genannt werden, — man möchte
eben in allem als ein neues Regime gelten, das anders ist als
das alte.
Daher nützt der Streik, der passive Widerstand der Bürokratie
nur den bolschewistischen Machthabern. Er erleichtert die Zerschlagung,
 die Auflösung des bisherigen Staatsapparates. Der
Vernichtung des alten Heeres dient die mit allen Kräften vorwärtsgetriebene
 Bereitschaft zu Friedensverhandlungen. Es wird den
einzelnen Truppenteilen die Erlaubnis gegeben, mit den ihnen
gegenüberliegenden Feinden Waffenruhen abzuschließen. Als der
Oberbefehlshaber des Heeres, Duchonin, sich weigert, die Waffenstillstandsverhandlungen
 zu eröffnen, wird er sofort telephonisch
abgesetzt. Der bolschewistische Oberbefehlshaber Krylenko erscheint
 mit einer Garde von ergebenen Soldaten und Matrosen im
Hauptquartier, der Haß des einfachen Soldaten gegen das Offizierskorps
 findet seine Befriedigung in der Ermordung Duchonins *®,
Die Zerschlagung des alten Herrschaftsapparates kommt der
Anarchie entgegen. Dadurch scheint sich die neue Gewalt mit ihr —
trotz aller theoretischen Forderungen, das Heer für die Revolution
zu erhalten — einfach zu identifizieren. Auch das berühmte Landdekret,
 das die bolschewistische Regierung gleich nach der Machtübernahme
 auf dem Rätekongreß publizierte, bewegt sich in dieser
Richtung. Dieses Dekret schafft das private Grundeigentum in
Rußland ab, in Wirklichkeit wird aber das Eigentum der Bauern
nicht angetastet, die konfiszierten Ländereien der öffentlichen
Hand, der Gutsbesitzer gehen an die Dorfkomitees und die Dorfräte
 über. Das Land wird seinen Bebauern überlassen. Man kann
dieses Dekret als einen besonders geschickten politischen Schachzug
 bezeichnen; zwar entspricht es an sich nicht dem bolschewistischen
 Agrarprogramm, das die Bedeutung der Großbetriebe in
der Landwirtschaft betont, aber in diesem Falle war die Übernahme
der populären sozialrevolutionären Forderung zur Politischen
Machtbehauptung zweckmäßig. Damit war die soziale Revolution,
die gewaltsame Landenteignung der Gutsbesitzer durch die Bauern
sanktioniert. Die Sozialrevolutionäre wollten dieses Gesetz erst
durch die Nationalversammlung erlassen. Die Bolschewisten nützten
diese Absicht für sich aus, indem sie das sozialrevolutionäre Gesetz
sofort in Kraft setzten, noch bevor der bolschewistische Rat der
Volkskommissare das Vertrauen des Rätekongresses bekommen
hatte. Sie erhielten dadurch eine feste soziale Basis. Die Bauernschaft
 war an das neue Regime, wenn auch nicht im Sinne direkter
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.