„Erneuerung des Erkenntnisproblems.
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tungen liegt in der neuen Stellung die sie zum Erkennt-
nisproblem einnehmen, und in dem Beitrag, den sie zu
seiner Lösung enthalten. Sobald man diesen Gesichtspunkt
der Beurteilung festhält, schält sich sogleich ein dauernder Kern
und ein fester Gehalt der mannigfachen philosophischen Bestre-
bungen heraus. Alle Gegensätze der Zeit — mag man sie nun unter
dem Widerstreit von Erfahrung und Denken, von Immanenz und
Transscendenz, von Platonismus und Aristotelismus begreifen —
streben an diesem einen Punkte, wie sich uns deutlich zeigen
wird, einem gemeinschaftlichen Ziele zu. Dieser Satz erscheint
freilich paradox: denn von einer systematischen Zergliederung
und Kritik der Erkenntnis kann auf dieser Stufe noch nirgends
die Rede sein. Wo immer die Forschung sich auf die Natur und
die Bedingungen des Erkennens richtet, da geschieht es noch
durchweg im Zusammenhang und in der Verquickung mit meta-
physisch-psychologischen Fragen. Der Begriff der Seele und das
Problem ihrer individuellen Fortdauer bildet überall die Voraus-
setzung der Fragestellung. Wenn indes die Reflexion über die
Prinzipien der Erkenntnis hier noch nicht, wie in den selbst-
ständigen Anfängen der neueren Philosophie, zum eigentlichen
und bewussten Motiv geworden ist, so spiegelt sich doch jede
einzelne Phase des Fortschritts mittelbar in dieser Grundfrage
wieder. Sie bildet noch nicht die reale Triebkraft, die die ver-
schiedenen systematischen Bildungen erzeugt, wohl aber den ge-
danklichen Orientierungspunkt, von dem aus wir ihr Verhältnis
und ihre Zusammengehörigkeit überschauen können.
Versuchen wir diesen Zusammenhang, bevor wir ihm im
Einzelnen nachgehen, in vorläufigen und allgemeinen Umrissen
festzuhalten, so tritt uns zunächst ein negatives Moment ent-
gegen. Es ist der Kampf gegen die „substantielle Form“,
der für die Renaissance vor allem charakteristisch ist. Der Huma-
nismus, wie die neue Naturwissenschaft, die Rhetorik und Gram-
matik, wie die Logik und Psychologie vereinigen sich in diesem
Grundbestreben. Nicht auf allen Gebieten vermag die neue An-
schauung, die jetzt entsteht, sich gleichmässig durchzusetzen;
nicht überall hält der Fortgang gleichen Schritt. Es ist die mo-
derne Physik, die zuerst den Schritt vom Sein zur Tätigkeit,
vom Substanzbeeriff zum Funktionsbegriff vollzieht,