Der Humanismus.
während der entsprechende Uebergang in der Behandlung der
Phaenomene des Seelenlebens weit langsamer vor sich geht. Trotz
der mannigfachen Schranken und Hemmnisse indess, die dieser
Entwicklung gesetzt sind, ist es zuletzt dennoch ein neuer Begriff
des Bewusstseins, der sich als positiver Ertrag der verschieden-
artigen kritischen Bestrebungen ergibt und befestigt. Freilich ver-
langt dieser Begriff selbst, um in seiner unterscheidenden Leistung
und Bedeutung verstanden zu werden, eine nähere Bestimmung und
Ergänzung. Man pflegt in der Auffassung des Individuums und
in der neuen Stellung und Wertschätzung, die es gewinnt, die
eigentliche Grenzscheide zu sehen, die die Renaissance vom Mittel-
alter trennt. „Nichts durchdringt und bezeichnet das christliche
Mittelalter — so urteilt ein hervorragender Historiker des Huma-
nismus — so entschieden, als der korporative Zug. Nach dem
Chaos der Völkerwanderung krystallisierte sich gleichsam die er-
neuerte Menschheit in Gruppen, Ordnungen, Systeme. Hierarchie
und Feudalismus waren nur die grössten Formationen. Selbst das
wissenschaftliche Leben ... fügte sich dem allgemeinen Hange:
es schoss, wie gefrierendes Wasser, nach gewissen Mittelpunkten
zusammen, und von diesen gingen dann die Strahlen wieder nach
allen Seiten aus. Zu keiner Zeit haben solche Massen so gleich
gelebt und gehandelt, ja gedacht und empfunden. Wenn gross-
artige Menschen hervorragen, so erscheinen sie nur als Reprä-
sentanten des Systems, in dessen Mitte sie stehen, nur als die
ersten unter ihresgleichen, ganz so wie die Häupter des Lehens-
staates und der Kirche. Ihre Grösse und Macht hängt nicht von
den Zufälligkeiten und Eigenheiten ihrer Person, sondern davon
ab, dass sie mit Energie den idee!len Kern ihres Systems vertreten
und sich selber dabei aufopfernd verleugnen... Die Vorkämpfer
der Menschheit sind nicht Individuen, welche die Masse geistig
beherrschen, sondern Stände und Körperschaften, die dem Indi-
viduum nur wie einer Standarte folgen“.®) So zutreffend hier der
allgemeine Durchschnittscharakter mittelalterlichen Lebens be-
zeichnet wird, so werden doch damit die tieferen geistigen Strö-
mungen, die in ihm wirksam bleiben und die insbesondere in
der Mystik zum Ausdruck drängen, nicht getroffen. .Die Kon-
zentration auf das religiöse Problem erzeugt hier eine Innerlich-
keit und eine Vertiefung in individuelle psychische Zustände und