Die Erneuerung der Platonischen Philosophie,
vollen Sinn und Gehalt nach wiederherzustellen. Bei Nikolaus.
Cusanus bereits haben wir dieses Streben und diese Wendung
verfolgen können (s. ob. S. 75 ff). In diesem Zusammenhange er-
klärt sich uns die Stellung der Denker dieser Epoche zur Kirche,
die sonst so zweideutig und schillernd erscheint. Während man
sich äusserlich noch in voller inhaltlicher Uehereinstimmung mit
der Glaubenslehre zu befinden scheint, ergreift man in ihr in
Wahrheit doch nur dasjenige Moment, das aus der Philosophie
und aus dem Hellenentum stammt. Der Begriff des Logos bildet
nunmehr sowohl die Verknüpfung, wie die Grenzscheide der
Zeitalter.
Bei Georgios Gemistos Plethon, dem ersten entschiedenen
Verkünder der Platonischen Lehre, ist es dies letztere Moment,
ist es der Gegensatz gegen das überlieferte theologische System,
der deutlich in den Vordergrund tritt. Wenn er Aristoteles be-
kämpft, so nimmt er seine Naturlehre ausdrücklich aus. Nur
seine Metaphysik und Theologie ist es, die er treffen will, — in
der er vielmehr die kirchliche Scholastik seiner Zeit zu treffen
gedenkt. Nicht um einen Kampf abstrakter philosophischer
Lehren handelt es sich hier, sondern um den Kulturgegensatz
zwischen Hellenismus und christlichem Mittelalter. Erst hieraus
erklärt sich die unmittelbare und umfassende Einwirkung, die
Plethons Lehren bei ihrem ersten Auftreten im Abendlande aus-
üben mussten, das bereits durch eine Generation der bedeutend-
sten Humanisten für seinen Grundgedanken und seine Grund-
stimmung vorgebildet war. Wie Aristoteles die griechische
Sprache nicht mehr in ihrer ganzen Reinheit und Fülle wider-
spiegelt, so erscheint bei ihm — wie ihm von Plethon vorge-
worfen wird — auch das antike Lebensideal bereits verkümmert
und gebrochen. Die sittliche Erneuerung, die Plethon für den
Staat und die Kirche seiner Zeit verlangt, und die im Mittelpunkt
all seiner philosophischen Bestrebungen steht, muss sich von der
Aristotelischen Autorität befreien, um zu den echten Quellen der
selbständigen und humanen Ethik zurückzukehren. Den aske-
tisch-mönchischen Geboten tritt jetzt eine weltliche „Tugendlehre“,
;lem Dualismus des Jenseitsglaubens tritt der antike Glaube an
eine fortdauernde Wanderung und Umgestaltung der Seele ent-
gegen. Es sind die Götter Griechenlands, die zum Kampf gegen.