186 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Giacomo Zabarella.
nur ein technischer Unterschied ist, ob wir synthetisch von
den Voraussetzungen zu den Folgerungen fortschreiten oder um-
gekehrt auf analylischem Wege zu Prinzipien gelangen, die uns
schon anderweit bekannt und gesichert waren. Bei der echten
resolutiven Methode dagegen, die im besonderen und auszeich-
nenden Sinne das Verfahren der Naturwissenschaft ist, handelt
es sich nicht um eine derartige Auflösung in gegebene Prinzi-
pien: sondern hier muss der Fortschritt der Zerlegung selbst die
verborgenen Ursachen erst ans Licht fördern. „Da uns nämlich
infolge der Schwäche unseres Geistes die Prinzipien, aus denen
der Beweis zu führen wäre, unbekannt sind, wir aber vom Un-
bekannten nicht unseren Ausgang nehmen können, so müssen
wir notgedrungen einen anderen Weg einschlagen, auf welchem
wir kraft der resolutiven Methode zur Entdeckung der Prin-
zipien geführt werden, um sodann, nachdem sie einmal gefun-
den, die natürlichen Phaenomene und Wirkungen aus ihnen be-
weisen zu können.“ Die resolutive Methode ist daher vom
logischen Standpunkt sekundär und die Dienerin des demon-
strativen Verfahrens: ihr Ziel ist die „inventio“, nicht die „sci-
entia“.®) Zu wahrer theoretischer Einsicht und zu vollendetem
Wissen gelangen wir erst, wenn wir, nachdem wir von den Tat-
sachen zu den Gründen zurückgegangen, aus diesen die Tatsachen
wiederum deduktiv ableiten und zurückgewinnen können: wenn
wir sie somit aus ihrer empirischen Isolierung befreien und cinem
allgemeinen gedanklichen Zusammenhang einordnen. In diesem
Fortschritt vom „Was“ des Phaenomens zu seinem „Warum be-
steht die Aufgabe und die Entwicklung alles Wissens. Mit
dieser Begriffsbestimmung der Erkenntnis aber weist Zabarella
bereits deutlich auf Galilei voraus. Auf ihn deutet nicht nur
die Scheidung von „kompositiver“ und „resolutiver“ Methode,
sondern vor allem die tiefere und reinere Abgrenzung von popu-
lärer Beobachtung und wissenschaftlicher Erfahrung. Ne-
ben die blosse Sammlung einzelner Tatsachen, die niemals wirk-
liche Gewissheit verschafft, tritt die „beweisende Induktion“, die
an einer „notwendigen Materie“ und an Inhalten, die eine wesent-
liche Verknüpfung untereinander aufweisen, geübt wird. Wäh-
rend die bloss empirische Betrachtung, um überhaupt zu irgend
einem Schlusse zu berechtigen, das Durchlaufen aller Fälle ver-