Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Geschichtsphilosophie. 
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Gedanke spricht sich sodann, innerhalb der pädagogischen 
Literatur, in der Schätzung des Bildungswertes aus, der nun- 
mehr den historischen Disciplinen zugemessen wird. „Es gibt“ 
— so heisst es bei Vives — „Manche, die alles Wissen des Ver- 
gangenen für nutzlos erklären, weil seither die ganze Art der 
Lebensführung, der Kultur, der politischen und socialen Ordnung 
sich geändert habe. Eine Meinung die höchst widervernünftig 
ist: denn wie sehr sich all das, was auf unserer willkürlichen 
Tätigkeit und Satzung beruht, auch wandeln mag, die Naturbe- 
dingungen des Geschehens, die Ursachen und Aeusserungen der 
menschlichen Affekte und Leidenschaften bleiben unverrückbar 
bestehen. Auf diesen festen und constanten Urgrund, nicht aber 
auf das Aeussere der Lebensformen einer vergangenen Zeit, ist alle 
geschichtliche Betrachtung im letzten Grunde zu beziehen und zu 
richten.®) Am deutlichsten tritt der Sinn und das Recht dieser 
Forderung an der inneren Entwicklung der Wissenschaft und 
der rein theoretischen Weltbetrachtung hervor. Die Renaissance 
zuerst erfasst die Aufgabe einer universellen Geschichte der 
Philosophie, die die einzelne geistige Erscheinung nach ihrem 
abjektiven Gehalt ergreift, sie jedoch zugleich dem Gedanken der 
‚perennis philosophia“ einordnet und unterstellt. Der erste Ver- 
such einer Darstellung der Philosophiegeschichte, der von dem 
Humanisten Joh. Baptista Buonosegnius herrührt, trägt zu- 
„nächst noch durchaus den Charakter eines Eklekticismus, der 
aach einer feststehenden, autoritativ bestimmten Norm die 
Leistungen der Vergangenheit einschätzt. Die religiöse Wahrheit 
bildet überall den höchsten Maassstab; der wahre Christ schreitet 
durch die Gefilde der heidnischen Philosophie, indem er das Gilt, 
das in ihren Blüten allenthalben verborgen ist, sorgsam aus- 
scheidet, um nur den Gehalt, der der echten Lehre gemäss ist. 
sich anzueignen.®) Mit der fortschreitenden Kenninis der antiken 
Welt aber setzt sich auch hier die freiere Auffassung und Beur- 
teilung durch. Wenn das Mittelalter die grossen antiken Systeme 
ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der Aristotelischen 
Lehre betrachtet und nach deren Kategorien beurteilt hatte, so 
strebt man nun mit vollem kritischen Bewusstsein danach, zu 
ihrem selbständigen und eigentümlichen Gehalt vorzudringen, 
[n seiner polemischen Hauptschrift wendet‘ sich Franz Pico,
	        
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