Die Geschichtsphilosophie.
157
Gedanke spricht sich sodann, innerhalb der pädagogischen
Literatur, in der Schätzung des Bildungswertes aus, der nun-
mehr den historischen Disciplinen zugemessen wird. „Es gibt“
— so heisst es bei Vives — „Manche, die alles Wissen des Ver-
gangenen für nutzlos erklären, weil seither die ganze Art der
Lebensführung, der Kultur, der politischen und socialen Ordnung
sich geändert habe. Eine Meinung die höchst widervernünftig
ist: denn wie sehr sich all das, was auf unserer willkürlichen
Tätigkeit und Satzung beruht, auch wandeln mag, die Naturbe-
dingungen des Geschehens, die Ursachen und Aeusserungen der
menschlichen Affekte und Leidenschaften bleiben unverrückbar
bestehen. Auf diesen festen und constanten Urgrund, nicht aber
auf das Aeussere der Lebensformen einer vergangenen Zeit, ist alle
geschichtliche Betrachtung im letzten Grunde zu beziehen und zu
richten.®) Am deutlichsten tritt der Sinn und das Recht dieser
Forderung an der inneren Entwicklung der Wissenschaft und
der rein theoretischen Weltbetrachtung hervor. Die Renaissance
zuerst erfasst die Aufgabe einer universellen Geschichte der
Philosophie, die die einzelne geistige Erscheinung nach ihrem
abjektiven Gehalt ergreift, sie jedoch zugleich dem Gedanken der
‚perennis philosophia“ einordnet und unterstellt. Der erste Ver-
such einer Darstellung der Philosophiegeschichte, der von dem
Humanisten Joh. Baptista Buonosegnius herrührt, trägt zu-
„nächst noch durchaus den Charakter eines Eklekticismus, der
aach einer feststehenden, autoritativ bestimmten Norm die
Leistungen der Vergangenheit einschätzt. Die religiöse Wahrheit
bildet überall den höchsten Maassstab; der wahre Christ schreitet
durch die Gefilde der heidnischen Philosophie, indem er das Gilt,
das in ihren Blüten allenthalben verborgen ist, sorgsam aus-
scheidet, um nur den Gehalt, der der echten Lehre gemäss ist.
sich anzueignen.®) Mit der fortschreitenden Kenninis der antiken
Welt aber setzt sich auch hier die freiere Auffassung und Beur-
teilung durch. Wenn das Mittelalter die grossen antiken Systeme
ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der Aristotelischen
Lehre betrachtet und nach deren Kategorien beurteilt hatte, so
strebt man nun mit vollem kritischen Bewusstsein danach, zu
ihrem selbständigen und eigentümlichen Gehalt vorzudringen,
[n seiner polemischen Hauptschrift wendet‘ sich Franz Pico,