Drittes Kapitel.
Der Skepticismus.
Der Sokratische Begriff des Nichtwissens, mit dem die Philosophie
des Nikolaus Cusanus begann, bildet den dauernden Grund
für ihre Fortentwicklung und bleibt bezeichnend für die methodische
Eigentümlichkeit, durch die sie sich vom Mittelalter
scheidet. Die „docta ignorantia‘“ weist den Weg, auf dem wir in
beständiger Annäherung zur Erkenntnis der reinen unbedingten
Wahrheit fortschreiten. In diesem Gedanken spricht sich ein Zusammenhang
aus, der für die gesamte neuere Zeit typisch bleibt.
Das Prinzip des Zweifels erhält sich in all ihren positiven Resulraten
und Leistungen; die Skepsis bedeutet kein Aussenwerk und
xein zufälliges Nebenergebnis der Gesamtentwicklung, sondern
wirkt in ihr als innerer gedanklicher Antrieb. So vermag sie sich
mit den mannigfachsten, einander entgegengesetzten Richtungen
les neuen Geistes zu verschwistern. Wir begegnen ihr bei
Agrippa von Nettesheim, wenn er sich von der scholastischen
Wortwissenschaft zur unmittelbaren Erfassung der Natur zurückwendet;
wir treffen sie bei Cam panella wieder, wenn er, über die
Grenzen der Naturphilosophie hinaus, nach einem neuen Prinzip
des Selbstbewusstseins fragt. Wir sehen, wie die Mystik sie
in ihren Kreis zieht und als Werkzeug benutzt, während sie andererseits
für Descartes der Anfang zur reinen rationalen Grundlegung
der Wissenschaft wird. So tritt sie uns ihrem Begriffe
getreu, nicht als festes, einheitliches System entgegen, sondern
bildet nur den wechselnden Reflex des lebendigen und allseitigen
Zortschritts der modernen Gedanken.