Die Natur und die Erkenntnis.
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daher dem gleichen Wandel und der gleichen Unbestimmtheit,
wie die äussere Welt unterworfen. Die beiden Gegenglieder, die
durch den Prozess der Erkenntnis miteinander verknüpft werden
sollten, sind nunmehr in sich selber aufgelöst. Jede „Wahrheit“
beansprucht, eine feste, unaufhebliche Beziehung zwischen dem
„Innern“ und „Aeusseren“ zu setzen: wie aber liesse sich eine der-
artige Setzung noch behaupten und rechtfertigen, da die beiden
Elemente dieses Verhältnisses in beständiger Umbildung begriffen
sind und niemals zu einem eindeutigen „Sein‘“ gelangen?
Wir verfolgen nicht die weitere Argumentation und die
Mannigfaltigkeit der Instanzen, die Montaigne zum Beweise seines
Hauptsatzes häuft. Sie alle gehen auf antike Vorbilder, vor allem
auf das allgemeine Schema zurück, das Sextus in der Aufstellung
seiner zehn „Tropen“ geschaffen hatte. Aber es ist, als gewönnen
alle diese bekannten Beweisgründe erst in der Energie und in der
subjektiven Lebendigkeit von Montaignes Stil ihre Schärfe und
die eindringliche Bedeutung, mit der sie auf die Folgezeit wirken.
Im Mittelpunkt steht auch hier das Problem des unendlichen
Regresses im Beweisverfahren: um zwischen den Erschei-
nungen eine Entscheidung zu treffen, bedürfen wir eines Instru-
mentes des Urteils; um dieses zu prüfen der logischen Schluss-
folgerung, die indes selber erst durch dieses Instrument wieder be-
glaubigt und gesichert werden könnte (II, 12). Oder wäre es mög-
lich, den Syllogismus und vor allem den Induktionsschluss aus
diesem Zirkel zu befreien; liesse sich ein Weg finden, allgemeine
Obersätze der Induktion zu gewinnen, die, wenngleich sie nur in
der Beziehung auf die Erfahrung Sinn und Geltung haben, den-
noch nicht als Aggregate von Einzelbeobachtungen zu denken
sind? In dieser Frage grenzt sich die moderne Erfahrungstheorie,
die mit Galilei beginnt, ihr Gebiet und ihre Aufgabe ab. Mon-
taigne hat keinen positiven Anteil an ihr; aber auch hier bleibt
ihm das Verdienst, dass er dort, wo die gleichzeitige Philosophie,
wo insbesondere Telesio und seine Schule die eigentliche Lösung
sah, das Problem aufzurichten wusste. —
Dieser Sinn und diese Kraft der Skepsis tritt schliesslich,
deutlicher als im Gebiet der theoretischen Erkenntnis, an den
Prinzipien der Sittlichkeit hervor. Zunächst zwar scheint hier
mit dem Schwinden des unbedingten Maasstabes die ethische