Der Skhepticismus, — Montaigne.
Grundfrage selbst entwurzelt und zu Nichte gemacht. Wie die
Empfindung uns nicht das Sein des äusseren Gegenstandes, son-
dern nur die Natur des eigenen Ich im äusseren Widerschein
anthüllt, so ist der Wert, der an den Dingen zu haften scheint,
in Wahrheit keine objektive Beschaffenheit ihrer selbst, sondern
der Reflex des urteilenden Subjekts. An sich ist Nichts weder
gut noch böse: erst unsere „Vorstellung“ verleiht ihm diese Be-
schaffenheit: „nous appellons valeur en les choses, non ce
qu’elles apportent, mais ce que nous y apportons“ (I, 40).
Damit aber ist der Begriff des Guten der grenzenlosen Unbestimmt-
heit und Vieldeutigkeit preisgegeben: denn nirgends tritt der
Widerspruch und die Unvereinbarkeit der Einzelnen und der
Völkerindividuen schärfer zu Tage als hier. Kein noch so, ex-
iremer und phantastischer Brauch, der nicht durch das Gesetz
.rgend einer Nation geheiligt wäre; kein anerkannter sittlicher
Inhalt, der sich nicht im Wechsel der Zeiten oder Räume in sein
Gegenteil verwandelte. Oertliche und politische Schranken werden
zu Grenzen für den Begriff der Moral: „was für eine Art Güte ist
es, die, gestern in Ansehen und Geltung, es morgen nicht mehr
ist und die beim Ueberschreiten eines Flusses zum Verbrechen
wird? was für eine Art Wahrheit, die durch diese Berge begrenzt
und jenseit ihrer zur Lüge wird‘ (IL, 12). „Die ersten und allge-
meinen Gründe der sittlichen Vorschriften sind schwer zu fassen
and gehen unsern Lehrmeistern unter den Händen in Schaum
auf; oder aber sie wagen nicht einmal, an ihnen zu rühren, son-
dern werfen sich von Anfang an in die Freistätte der Gewohn-
heit; hier blähen sie sich auf und feiern einen billigen Triumph“
‘I, 22). So sehen wir uns der äusseren Meinung und der jewei-
ligen Konvention als einzigen Führern überwiesen: „das Ansehen
Jder Gesetze kommt nicht daher, dass sie gerecht, sondern dass
sie Gesetze sind; dies allein ist der mystische Grund ihrer Au-
:orität; sie haben keinen andern.“
Und dennoch liegt in dieser Konsequenz, in der sich Mon-
taignes skeptischer Lehrbegriff vollendet, zugleich die Peripetie
seiner philosophischen Gesamtanschauung. Das Problem der
Sittlichkeit ist es, an dem eine innere Umkehr des Gedankens
sich vollzieht. Zunächst nämlich trägt die Skepsis — hier, wie
‘m Altertum — von Anlang an einen bestimmten und wvositiven