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Der Skepticismus. — Charron.
von Charron bis in seine letzten und schärfsten Folgerungen
lortgeführt.* Solange unser Handeln noch in äusseren Satzun-
gen und Vorschriften seinen Halt und sein Vorbild sucht, so-
lange bleibt unsere Rechtlichkeit „schülerhaft und pedantisch“:
eine Sklavin der Gesetze unter dem Zwange von Hoffnung und
Furcht. Es ist der Grundmangel aller theologischen Begründung
der Sittlichkeit, dass sie mit dieser inneren Unfreiheit rechnet
und auf sie ihre Gebote stützt. „Verabscheuenswert und furcht-
bar sind mir die Worte: wenn ich nicht Christ wäre, wenn ich
nicht Gott und die ewige Verdammnis fürchtete, so würde ich
Dies oder Jenes tun... Ich will, dass Du rechtschaffen bist,
weil Natur und Vernunft: das heisst Gott es gebieten, weil
die allgemeine Ordnung und Verfassung der Welt, von der Du
ein Teil bist, es verlangt, gegen die Du Dich nicht auflehnen
kannsi, ohne gegen Dich selbst, Dein Wesen und Deinen Zweck
zu streiten — es komme im Uebrigen, was kommen mag“ (II, 5).
Wenn somit die Skepsis damit begann, die menschliche Vernunft
von der echten Gotteserkenninis auszuschliessen, so endet sie hier
damit, Gott und Vernunft unmittelbar in Eins zu setzen: eine Iden-
tität, die durch den Gedanken der sittlichen Selbstgesetzgebung
vermittelt und verhürgt wird. Für die positiven Religionen und
Rechtssatzungen ist jetzt ein fester unwandelbarer Maassstab ge-
wonnen. Das Original, auf das alles geschriebene Recht, auf das
der Dekalog sowohl wie alle positiven Gesetzessammlungen zurück-
gehen, ist in dem eigenen Selbst eines Jeden verborgen. Gleich-
viel, ob wir diesem Verhältnis einen ethischen oder religiösen
Ausdruck geben, ob wir Gott oder die Natur als Urgrund des höch-
sten Gesetzes denken; — beides sind nur verschiedene Ausdrücke
desselben Gedankens: „quid Natura, nisi Deus et divina ratio toti
mundo et partibus ejus insita“? —
Der innere Wert des Individuums wird daher von seiner
Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensform nicht bestimmt;
ja wo immer von dieser ein entscheidender Einfluss auf die
Sittlichkeit des Einzelnen geübt wird, da ist bereits der Grund
jeder echten sittlichen Gemeinschaft erschüttert. Die Geschichte
kennt kein stärkeres und unheilvolleres Motiv, als den Fanatismus
des Glaubens. „Es ist noch die lässlichste und gelindeste Hand-
lung dieser Leute, auf Jeden, der ihre Ansicht nicht teilt. mit