Die Kritik der religiösen Moral,
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schelem Blick zu sehen, ihn wie ein Monstrum zu betrachten
und sich durch den Verkehr mit ihm befleckt zu glauben. Man
traue Niemand, dessen Moralität allein auf religiösen Skrupeln
beruht: Religion ohne Sittlichkeit ist, wo nicht schlimmer, so
doch gefährlicher, als der gänzliche Mangel von allem beiden.“
Die innere Selbständigkeit aber, die der Einzelne hier gewinnt,
wird ihm zugleich zum Ausdruck und zur Gewissheit einer
geistigen Gemeinschaft, die sich über alle konventionellen
Schranken der verschiedenen Sekten und Glaubenslehren erhebt:
gerade das Vertrauen auf die Einheit der menschlichen Ver-
nunft lehrt uns, die Mannigfaltigkeit ihrer verschiedenen Aeusse-
rungen mit gleicher Unbefangenheit zu umfassen und zu beur-
teilen. So hat das „Nichtwissen“ wieder jene sittliche Grundbe-
deutung angenommen, die ihm bei Nikolaus Cusanus zukam.
(S. ob. S. 59 f) Zugleich wird man hier an ein Werk erinnert,
das wenige Jahre vor Charrons Schrift „De la sagesse“ vollendei
wurde und den gleichen äusseren und zeitlichen Bedingungen wie
diese entstammt. Der Gedanke und die literarische Form, die
durch Nikolaus Cusanus’ Dialog „De pace seu concordantia fidei“
geschaffen war, wird durch Jean Bodins „Colloquium hepta:
plomeres“ am reinsten erfasst und am tiefsten fortgebildet. Bodin
gehört demselben Kreise, wie Montaigne und Charron an; auch
bei ihm sind es die französischen Religionskriege, die den poli-
tischen Hintergrund bilden. Montaigne ist es, der als einer der
Ersten sein literarisches Verdienst anerkennt und der ihn von
der „Schar der Skribenten der Zeit“ ausdrücklich und energisch
unterscheidet. (Essais I], 32). Was Charron betrifft, so finden sich
ebenfalls bestimmte Spuren, dass er zum mindesten sein Werk
„vom Staate“ gekannt und benutzt hat. Tiefer und bedeutsamer
aber ist der Zusammenhang in der religiösen Grundanschauung:
was von Charron als allgemeine Forderung hingestellt wird, das
war von Bodin, indem er die einzelnen positiven Religionen in
Vertretern von bestimmter persönlicher Charakteristik zu Worte
kommen liess, mit einer Fülle gelehrten Wissens und mit ein-
dringender dialektischer Kunst im Einzelnen dargelegt und un-
mittelbar vor Augen gestellt worden. —
Auch hier sehen wir somit, wie die Skepsis sich der
religiösen Gesamtbewegung der Zeit innerlich einordnet. Goethe