Patrizzis Lehre vom „Minimum“,
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Schärfer treten die eigentümlichen Vorzüge und die Grenzen
dieser Lehre hervor, wenn wir sie wiederum an den Prüfstein
der Mathematik und ihrer Prinzipien halten. Ueber die Grund-
anschauung der italienischen Naturphilosophie wächst Patrizzi
als Einziger hinaus, indem er das logische Wertverhältnis zwischen
der Mathematik und Physik, das hier allgemein angenommen
war, umkehrt. Wie der Raum der Materie vorangeht, so ist die
Wissenschaft des Raumes ursprünglicher und gewisser als die
der Naturkörper. Der Begriff der Ausdehnung, den wir der
Geometrie zu Grunde legen, ist nicht durch Abstraktion von den
materiellen Einzelobjekten entlehnt und aus ihnen gleichsam
zusammengelesen: sondern er bildet umgekehrt die Bedingung,
unter der wir die besonderen, endlichen Objekte erst zu setzen
und zu betrachten vermögen. Die Einzelgebilde entstehen uns,
indem unser Geist in dem einheitlichen und stetigen Ganzen des
Raumes bestimmte Grenzen setzt und feste Einteilungen vor-
nimmt.) Zwei Faktoren: ein absolutes Sein und eine subjektive
Leistung des Denkens und der „Imagination“ sind es somit, die
zur Entstehung der mathematischen Begriffe zusammenwirken.
Wenn der Begriff des „Continuums“ vorzugsweise auf das erste
Moment zurückgeht, so ist es das zweite, das erst die Begriffe der
Zahl und der Mehrheit und damit die Möglichkeit des Maasses
erschafft.8) Jedes Messen und damit jede mathematische Fixie-
rung eines Inhalts setzt eine feste Einheit voraus, deren Er-
mittlung und Ableitung die erste Aufgabe der Betrachtung bilden
muss. Ueber den Charakter und die Besonderheit dieser Grund-
einheit entscheidet jedesmal die Eigenart des bestimmten Problem-
gebiets: die Erkenntnislehre vermag nur die allgemeine Forderung
zu vertreten, dass überall, wo von einem wahrhaften Begreifen
die Rede sein soll, der Gedanke auf solche letzte Elemente
zurückgehen und in ihnen seinen Halt finden muss. Die Lehre
von der unendlichen Teilbarkeit der Ausdehnung ruht somit
auf blossem, trügerischen Schein: logisch ist auch hier der Ab-
schluss in einem absoluten räumlichen Minimum zu verlangen.
In der Begründung und Ausführung dieser Lehre tritt wie in der
gleichzeitigen Schrift Giordano Brunos „de triplici minimo et
mensura“ der Einfluss des Nikolaus Cusanus unverkennbar hervor.
Wie es ein „Grösstes“ des Raumes, nämlich ‚seine unendliche