Verhältnis von Zahl und Ausdehnung. 239
sitzen, liegt ein fruchtbares und wichtiges Motiv des künftigen
Differentialbegriffs; zugleich aber zeigt sich, dass die dialek-
tischen Schwierigkeiten, die diesem Begriff entgegenstehen, hier
noch kaum bemerkt, geschweige gelöst werden. Das Verhältnis
zwischen dem Stetigen und dem Diskreten ist nirgends geklärt.
Die Frage, ob der Begriff des Continuums oder der der Zahl sach-
lich früher ist, wird in ihrer Allgemeinheit von Patrizzi abge-
wiesen: sie ist müssig, da beide Momente auf einander bezogen
sind und nur mit einander bestehen können. Wo er ihr den-
noch näher tritt, da erscheint bei ihm die stetige unendliche
Grösse als die Grundlage, aus der wir durch einen besonderen
Akt des Geistes das Begrenzte erst heraussondern. Das Conti-
nuum ist somit der fundamentalere Begriff und die Bedingung
der Diskretion: die Arithmetik ist der Geometrie untergeordnet.)
Die Setzung der arithmetischen Einheit wäre demnach so zu voll-
ziehen, dass sie den Grundpostulaten der Continuität, vor allem
also der unendlichen Teilbarkeit, nirgends widerstreitet. Statt
dessen sehen wir, wie die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen
wird: der Begriff des „Minimums“ ist der Versuch, die stetige
Quantität nach den Forderungen der diskreten Auffassung zurecht-
zurücken und umzudeuten. Den echten „Königsweg der Geome-
trie“, den Patrizzi nach seinem eigenen Ausspruch mit seiner Me-
thode weisen will‚,%) hat er daher verfehlt: denn dieser liegt in
der Richtung auf den Begriff und die Analysis des Unendlichen.
Und der tiefere Grund hierfür liegt darin, dass er zwar die Zahl
als ein Gebilde des Denkens erkennt und bestimmt, die stetige
Ausdehnung aber nur als unabhängiges absolutes Sein behauptet,
nicht aus einem eigenen Prinzip begründet hat. Bei Campanella,
der Patrizzis Lehre fortführt, vollendet sich sodann die Hypo-
stasierung des Raumes zu einer eigenen geistigen Wesenheit, der
nicht nur Selbstbewusstsein und Selbsterhaltungstrieb, sondern
sogar Unsterblichkeit zugesprochen wird. Hier sehen wir un-
mittelbar den Zusammenhang zwischen der Raumlehre und der
spekulativen Gotteslehre vor uns, der später von Henry More
weiter entwickelt werden wird: Golt ist zwar nicht im Raume,
wohl aber der Raum in ihm als seinem belebenden und erhal-
tenden Prinzip zu denken.84)