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Die Naturphilosophie.
So mündet denn die Betrachtung, wie sehr sie darnach
strebt, die Natur nach „eigenen Prinzipien“ zu begreifen, immer
von neuem wieder in den Gottesbegriff ein. Es wäre indes irrig,
in diesem Zusammenhang, der freilich gelöst werden musste, ehe
der wissenschaftliche Begriff der Natur entstehen konnte,
lediglich ein Hemmnis der Entwicklung zu sehen. Vor allem
ist es das religiöse Problem selbst, das jetzt dank den neuen
Fragen, mit denen es sich berührt, eine Wandlung und Ver-
tiefung erfährt. Der Humanismus wie die Naturphilosophie wirken
aunmehr zu dem gleichen einheitlichen Ziele der ethischen Uni-
versalreligion zusammen. Schon die Naturansicht des Paracelsus
steht in engster Verbindung mit seiner religiösen Grundanschau-
ung, in der er sich vor allem mit der freieren Gestaltung der
protestantischen Gedanken in Sebastian Franck berührt. (S. ob.
5. 160.) Die Einzigkeit und Beständigkeit der Natur verbürgt uns
die Einheit der echten Gottesidee, die von keinem besonderen
Cult oder keinem besonderen Dogma ausgeschöpft oder erreicht
wird. Wie die Erkenntnislehre Campanellas den „eingeborenen“
Sinn, in dem wir das eigene Wesen ursprünglich erfassen, von
len äusserlich hinzutretenden Wahrnehmungen und Kenntnissen
unterschied, so scheidet seine Religionsphilosophie die Eine natür-
liche Gottesverehrung von den fremden Zutaten, die sich im Ver-
auf der Geschichte und im Wechsel der Zeiten und Völker an
sle herandrängen. Der ursprüngliche Kern bleibt durch alle
verschiedenen Aeusserungsformen hindurch ein und derselbe:
„diversitas nulla est intus, nisi sicut in scientia et modo“. Die
Welt erschliesst sich uns als das Sein, „an dem wir die Breite der
Gottheit lesen“: sie ist das Standbild und der Tempel, in dem die
göttlichen Gedanken niedergelegt und in lebendigen Symbolen
verkörpert sind. „Selig, wer in diesem Buche liest und von ibm
die Wesenheiten der Dinge erlernt, nicht aber sie nach eigenem
oder fremdem Gutdünken ersinnt.“ 5) Um sich die religiöse
Grundanschauung Campanellas zu vergegenwärtigen, muss man
sie freilich nicht lediglich in seiner Metaphysik aufsuchen, in
der die Nachwirkung der Scholastik, wie die Rücksicht auf die
kirchliche Autorität die Freiheit und Weite der Betrachtung ein-
engen. Sie gelangt erst in seinen Dichtungen, in denen sie sich
mit dem neuen sozialen Ideal, sowie mit der Aussprache der