Zeonardo da Vinci.
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Sinnlichen, die aber nicht zur Verquickung, sondern zur Wah-
rung und Sonderung des Rechtes beider Momente wird.
|. Leonardo da Vinci.
Um die wissenschaftliche Geistesart Leonardo da Vincis zu
bezeichnen, genügt es nicht, sich nacheinander die Fülle der
neuen theoretischen Grundanschauungen zu vergegenwärtigen, die
sich bei ihm in der Mathematik, wie in der beschreibenden
Naturwissenschaft, in der Astronomie, wie in der Entwicklungs-
geschichte, in der allgemeinen Wissenschaftslehre, wie in den
besonderen. technischen Anwendungen zeigen. So unbegreiflich
und unerschöpflich sich dieser Reichtum immer von neuem er-
weist: die Eigenart von Leonardos Genius wird durch ihn nicht
bestimmt. Das Quattrocentro kennt Männer, die sich in der
Allseitigkeit des Interesses und der Betätigung, wenngleich nicht
in der Tiefe und Freiheit des Denkens, mit Leonardo vergleichen
lassen; ja darin, dass er noch einmal den ganzen sachlichen
Umfang des Wissens in sich vereinigt, scheint er eher ein ver-
zangenes, als ein modernes Ideal zu erfüllen. Was aber in die
Zukunft der Philosophie wie der Wissenschaft weist, ist dies:
dass diese Mannigfaltigkeit in der Einheit eines methodischen
Grundgedankens zusammenhängt und durch sie umgrenzt und
gebändigt ist. Die Aufzeichnungen und Fragmente Leonardos ge-
hören in gleichem Sinne, wie der Geschichte der Wissenschaft,
der Geschichte des Erkenntnisproblems an, sofern in ihnen mit
den neuen Ergebnissen zugleich ein neues Bewusstsein von der
Form und dem Grunde des Wissens sich ausprägt.
Die Naturbetrachtung Leonardos hängt in ihren Anfängen
und Ansätzen mit der naturphilosophischen Spekulation der Zeit
noch unverkennbar zusammen. Erst wenn man sich diesen Zu-
sammenhang vergegenwärtigt, kann man ganz den Weg ermessen,
den das Denken hier zurückgelegt hat, ehe es zu seinen letzten
und höchsten Ergebnissen gelangte. Es ist der Künstler in
Leonardo, der die Ansicht der Natur als eines lebendigen Gesamt-
organismus erfasst und in Bildern von anschaulicher Klarheit