Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

250 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Leonardo da Vinci, 
Eigentümlichkeit der Zeit, losgelöst von den Bestimmungen der 
Geometrie, zu beschreiben.!?) Mit dieser Herausarbeitung des 
Eigengehalts des Zeitbegriffs hängt die Bedeutung zusammen, die 
dem Begriff der Entwicklung im Ganzen von Leonardos An- 
schauung zukommt. Die Kenntnis der Entwicklungsgeschichte 
heisst ihm die‘ Zierde und Nahrung des menschlichen Geistes. 
Allgemein sehen wir nunmehr, wie der Begriff der Mathematik 
selber sich weitet und sich, über die blosse Geometrie hinaus, 
neue Problemgebiete unterwirft. Zugleich ist der Maassstab des 
Erkenntniswertes überhaupt ein anderer geworden: die Schätzung 
des Wissens hängt nicht von seinem Gegenstand, sondern von 
dem Grad und der Stufe objektiver Gewissheit ab, die es in sich 
trägt. Wie wesentlich und entscheidend diese Wandlung ist, lehrt 
ein Blick auf die gleichzeitige Literatur: so bestreitet z. B. Fra- 
zastoro, ein Jüngerer Zeitgenosse Leonardos, den Wert der Mathe- 
matik, weil diese, wenngleich sie eine „gewisse Sicherheit“ der 
Beweisführung enthalte, doch von niedrigen und wenig schätz- 
baren Objekten handelt.!‘) Wie eine Antwort auf solche An- 
schauungen lesen sich Leonardos Sätze: „Von solcher Verächt- 
lichkeit ist die Lüge, dass, wenngleich sie Gutes von göttlichen 
Dingen sagte, sie ihrer Göttlichkeit den Wert nähme; von solcher 
Trefflichkeit die Wahrheit, dass sie den geringsten Dingen, die 
sie lobt, Adel verleiht. So übertrifft die Wahrheit, wenn sie auch 
von Geringem und Niedrigem handelt, noch unendlich alle 
schwankenden und unwahren Meinungen über die erhabensten 
und höchsten Verstandesprobleme (discorsi). ., Du aber, der Du 
von Träumen lebst, findest Dein Gefallen mehr an sophistischen 
Gründen und Trugschlüssen in grossen und ungewissen Dingen, 
als an den sicheren natürlichen Schlussfolgerungen, die sich nicht 
zu dieser Höhe erheben‘‘.!) 
So gründet Leonardo seinen Idealbegriff der Wahrheit und 
der Vernunft in dem fruchtbaren „Bathos der Erfahrung“, während 
umgekehrt der Erfahrungsbegriff selbst seinen Wert aus dem not- 
wendigen Zusammenhang erhält, in dem er mit der Mathematik 
steht. Die Berufung auf die Erfahrung ist zunächst der leben- 
dige Ausdruck des Gegensatzes gegen die Autorität und die Ueber- 
lieferung. Die Erfahrung ist die grosse und ewige Lehrerin: die 
Meisterin jener Meister der Schule, zu der man immer von neuem
	        
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