Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

294 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei,

sich die Zweideutigkeit auf, die dem alten Begriffsgegensatz des
„Allgemeinen“ und „Besonderen“ anhaftet. Es ist, als sollte sich
der mittelalterliche Kampf des Nominalismus und Realismus, die
Frage nach der „Wirklichkeit“, die unsern universalen Ideen und
Grundsätzen zukommt, hier auf höherer geschichtlicher Stufe
nochmals erneuern. In der Tat werden wir noch einmal in den
systematischen Mittelpunkt dieses Problems zurückversetzt; zugleich
 aber sehen wir von ihm aus die neuen Begriffe entstehen,
die dazu bestimmt sind, den Streit für immer zum Austrag zu
ringen. —
Eins freilich müssen wir uns hier von Anfang an gegenwärtig
 halten: dass Galilei, so sehr er eine neue Methode der
Erkenntnis handhabt und zur Anwendung bringt, selbst kein
Systematiker der Philosophie und Erkenntnistheorie ist. Die
lurchgängige Uebereinstimmung zwischen Mathematik und Natur,
lie Harmonie zwischen dem Gedanken und der Wirklichkeit
steht ihm, vor aller philosophischen Reflexion, als subjektive
Ueberzeugung fest. Wir werden sehen, wie diese Grundüberzeugung
 alle Teile seiner Lehre gleichmässig durchdringt und
innerlich zusammenhält. Aber wenngleich sie sich immer prägnanter
 ausprägt und fortschreitend entfaltet: nach ihrem Grunde
und ihrer Rechtfertigung wird nicht gefragt. Gerade in der
Selbstgewissheit, mit der das wissenschaftliche Denken sich hier
erfasst und bei sich selbst verweilt, liegt das Auszeichnende der
Galileischen Forschung: denn wenn ihr dadurch auf der einen
Seite zwar ein Zurückgehen auf die allgemeinsten Fragen der
Erkenntniskritik versagt ist, so ist sie andererseits davor bewahrt
worden, den Ursprung der wissenschaftlichen Wahrheit aus
einem „höheren“ metaphysischen Prinzip erklären und ableiten
 zu wollen.
Der Gegensatz zur scholastischen Denkweise findet seine
vollendete Darstellung in einer Stelle der „Dialoge über die Weltsysteme“,
 in der die Anwendbarkeit der geometrischen Begriffe
und Sätze auf die Gegenstände der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung
 erörtert wird. Der Schulphilosophie, wie sie hier in Simplicio
 verkörpert wird, bietet diese Frage keine Schwierigkeit: sie
besitzt für sie die gleiche bequeme Lösung, die die Philosophie
des „gesunden Menschenverstandes“ auch seit den Tagen Galileis
            
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