296 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.
inhalt kann sich diesem Prozess und diesem rastlosen Fortschritt
als Hemmnis entgegenstellen: überall sind es nur relative und
jeweilige Endpunkte, die das wissenschaftliche Denken auf einer
gegebenen Stufe seiner Entwicklung begrenzen. Man erkennt
nunmehr, wie der Widerstreit zwischen Wahrheit und Wirklich-
keit, den die Gegner annehmen, im letzten Grunde in ihrer meta-
physischen Auffassung des Wirklichen, in ihrem Begriff des
absoluten Daseins wurzelt. Erst wenn das Verlangen nach
einer unmittelbaren Existenz der wissenschaftlichen Inhalte uns
nicht mehr beirrt und ablenkt, wenn es aus den Anfängen und
der Grundlegung prinzipiell verwiesen wird, wird die ideelle
Freiheit in der Gestaltung der Begriffe erreicht, als deren letztes
Ziel und Ergebnis uns nunmehr wiederum eben jene — Existenz
entgegentritt. Mit meisterhafter Klarheit hat Galilei dieses Doppel-
verhältnis entwickelt und erläutert. Der Begriff der gleichförmi-
gen Beschleunigung, von dem er ausgeht, ist ihm zunächst
nichts anderes als eine „hypothetische Voraussetzung“, die nicht
unmittelbar auf die „Tatsachen“ der Natur bezogen und an
ihnen gemessen werden darf, sondern zuvor der Zerlegung und
Entfaltung in ihre einzelnen mathematischen „Eigenschaften“
und Folgerungen bedarf. Erst nachdem dieser deduktive Teil
der Aufgabe abgeschlossen ist, und nachdem er zu festen, zahlen-
mässigen Beziehungen hingeleitet hat, ist für die Vergleichung
des reinen Gesetzes mit dem Beobachtungsinhalt der Boden be-
reitet, ist das Maass und die einschränkende Regel gewonnen,
mit der wir jetzt an die Mannigfaltigkeit des Wahrnehmungs-
stoffes herantreten können. „Zeigt die Erfahrung nunmehr,
lass solche Eigenschaften, wie wir sie abgeleitet, im freien Fall
ler Naturkörper ihre Bestätigung finden, so können wir ohne
Gefahr des Irrtums behaupten, dass die konkrete Fallbewegung
mit derjenigen, die wir definiert und vorausgesetzt
haben, identisch ist: ist dies nicht der Fall, so verlieren doch
unsere Beweise, da sie einzig und allein für unsere Voraussetzung
zelten wollten, nichts von ihrer Kraft und Schlüssigkeit, — so
wenig es den Sätzen des Archimedes über die Spirale Abbruch
tut, dass sich in der Natur kein Körper findet, dem eine spiral-
[örmige Bewegung zukommt‘.!%) Die Schroffheit, in der hier die
Trennung des Begriffsgehalts von der Beobachtung vertreten wird.