Der Begriff der Materie.
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erklärt sich aus der polemischen Absicht dieser Sätze. Man be-
greift indes, dass es in erster Linie nicht auf die Loslösung der
Begriffe, sondern auf ihre innigere Durchdringung mit dem Wahr-
nehmungsstoffe abgesehen ist: eine Durchdringung, die jedoch
nur dann erreicht werden kann, wenn die Begriffe rein aus sich
selbst und unabhängig zu immer spezielleren Folgerungen fort-
geführt worden sind. Bis in die astronomische Einzelforschung
hinein hat Galilei diesen Grundgedanken seiner Wissenschaft
festgehalten: wie Kepler verlangt er auch hier, dass der konkreten
Beobachtung durch einen vorangehenden begrifflichen Entwurf,
durch eine Frage des Denkens vorgearbeitet und die Richtung
gewiesen werde.10%)
Schritt für Schritt entfaltet sich nunmehr der Inbegriff der
hypothetischen Setzungen, die uns im stetigen Fortgang zum
konkreten Sein der Dinge hinleiten sollen. Die „sinnliche und
physische Materie“ galt bisher als das Hemmnis, das der Aus-
prägung der reinen Mathematik in der empirischen Wirklichkeit
entgegensteht. Sie erscheint somit als eine eigene metaphysische
Potenz, die dem reinen Gedanken entgegenwirkt, als ein Zwang,
dem der Begriff sich zu fügen hat. Es ist die alte Aristotelische
Entgegensetzung: alle Erkenntnis wird ihrem Inhalt und Ursprung
nach durch die Allgemeinheit der „Form“ erschaffen und gewähr-
leistet, während die Materie an sich das schlechthin Unerkennbare
bezeichnet. In diesem metaphysischen Gegensatz ist der metho-
dische Unterschied zwischen Idee und Erscheinung, zwischen
Geometrie und Physik zum absoluten, unaufheblichen Wider-
spruch gesteigert. Die Lösung dieses Widerstreits kann nach
den allgemeinen Grundsätzen Galileis nur in einer: Richtung
versucht werden: die Materie, die hier zum eigenen, unabhängigen
Sein hypostasiert ist, muss wiederum dem stetigen Zusammen-
hang der Prinzipien eingeordnet und aus ihm entwickelt werden;
sie muss aus einer Schranke zu einem Postulat des reinen
Begriffs umgebildet werden. Wir sahen, wie Kepler bereits mit
diesem Gedanken rang und wie er in ihm seinen Unterschied
gegen die Naturphilosophie bestimmte. Die Entwicklung, der er
zustrebte, vollendet sich jetzt klar und mühelos: da die körper-
liche Natur selbst ein ewiges und notwendiges. Ganzes aus-
macht, so müssen sich auch alle ihre Erscheinungen allgemeinen