310 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei,
unfruchtbar. Ein anderes, tieferes Problem ist jetzt gestellt: die
Frage ist, ob mit den Dingen oder den Beziehungen, ob mit
lem Dasein oder mit den Formen der Verknüpfung zu beginnen ist.
Gegenüber der substantiellen Weltansicht.erhebt sich eine Auf-
fassung, die auf dem Grunde des Funktionsbegriffs erwachsen
ist. An dieser Stelle wird es besonders deutlich, dass die Ge-
schichte der neueren Philosophie ausserhalb des Zusammen-
hangs mit der exakten Wissenschaft nicht zu begreifen und nicht
zu entwickeln ist. Der dialektische Widerstreit, der hier entstanden
ist, wird die treibende Grundkraft der künftigen Systeme: die
Cartesische, wie die Leibnizische Erkenntnislehre bilden nur be-
stimmte Einzelphasen in jenem allgemeinen Fortschritt von der
Substanz zur Funktion. —
Bei Galilei nun ist der neue Gesichtspunkt nicht nur in der
Art und Richtung seiner Forschung implicit enthalten, sondern
auch mit überraschender Präcision und Klarheit formuliert. „Ent-
weder wir suchen auf dem Wege der Spekulation in das wahre
ınd innerliche Wesen der natürlichen Substanzen einzudringen,
oder wir begnügen uns mit der Erkenntnis einiger ihrer Merk-
male und Eigentümlichkeiten (affezioni). Den ersteren Versuch
halte ich für ein Bemühen, das bei den nächsten irdischen wie
bei den entferntesten himmlischen Substanzen gleich eitel und ver-
geblich ist... Wollen wir indes bei der Einsicht in bestimmte
Merkmale stehen bleiben, so brauchen wir hieran bei den entle-
gensten Körpern und Naturerscheinungen ebensowenig zu ver-
zweifeln, wie bei denen, die uns direkt vor Augen liegen“.18%) So
überwindet das Naturgesetz kraft seiner Allgemeinheit die räum-
jichen Unterschiede der Nähe und Entfernung: aber es muss
hierfür den Anspruch aufgeben, auch nur die nächsten, angeblich
ınmittelbar bekannten Wirkungen in ihrem absoluten Sein zu
erfassen. Für Galilei enthält dieses Eingeständnis nichts von
skeptischer Grundstimmung in sich: denn der Verzicht auf die
Metaphysik ist ihm der Preis, für den er die Sicherheit der em-
pirischen Erkenntnis gewinnt. Unter dem Gesichtspunkt der
Erfahrungswissenschaft ist die Relativität nicht die äusserliche
Schranke des Erkennens, als welche sie einem dogmatischen
KEmpirismus erscheint; sie ist seine Bürgschaft und seine Stärke.
Erst wenn wir die Frage nach dem Wesen der Schwere beiseite