Die Relativität der Erkenntnis.
317
wir sie vom Heer der übrigen Fixsterne lostrennen und unter-
scheiden könnten. !#) Allgemein wird jetzt deutlich, dass sich die
wahre räumliche Ordnung uns nicht von Anfang an darstellt,
dass sie selbst vielmehr ein Produkt der fortschreitenden wissen-
schaftlichen Erfahrung ist und, wie diese, daher stets nur zu
relativem Abschluss gelangen kann. Der Raum unserer An-
schauung wandelt sich in den Raum unserer wissenschaftlichen
Konstruktion; die Ordnung, die uns bisher als feste, gegebene
Begrenzung zu umschliessen schien, wird jetzt allmählich aus
dem Prozess der Erkenntnis gewonnen und entwickelt. Freilich
kann sich das Denken nicht der Aufgabe entziehen, von dem be-
stimmten Standpunkt aus, den es in seinem Fortschritt erreicht
hat, die Eine, wahre und eindeutige Verfassung des Raumes und
des Universums zu fixieren: zugleich aber wird anerkannt, dass
die „Wahrheit“ jedes derartigen Ansatzes nichts anderes bedeuten
und besagen kann, als dass er die Gesamtheit aller Phäno-
mMene — nicht nur der astronomischen, sondern zugleich der phy-
sikalischen — unter der Einheit einer Regel und eines gedanklichen
Zusammenhangs befasst. „Denn eine höhere Wahrheit darf und
kann man in einem wissenschalftlichen Satze nicht suchen, als
dass er allen besonderen Erscheinungen entspricht“. 147)
Das „Absolute“ indes, das Galilei zu bekämpfen hat, be-
deutet nicht lediglich die feste, abgeschlossene Gegebenheit der
Dinge: es hat seine eigentliche Wurzel nicht in der Welt der
äusseren Objekte, sondern in der des „inneren“ Geschehens. Der
Zweckbegriff ist es, der uns innerhalb des Aristotelismus das
immanente Entwicklungsgeseiz des Werdens und die Wesenheit
der „Formen“ vermittelt und erschliesst. Auch hier bildet die
substantielle Weltansicht die notwendige, latente Voraussetzung:
als „zweckmässig“ können wir ein einzelnes Geschehen nur be-
zeichnen und begreifen, wenn uns das Ganze, auf das wir uns
in diesem Urteil beziehen, als vollständig gegeben und fertig er-
kannt vor Augen liegt. Die neue Forschungsweise, die vom Ein-
zelnen zum Ganzen aufstrebt, scheint zunächst, verglichen mit
lieser Anschauung, ein blosses Aggregat und Stückwerk zu sein:
denn heisst es nicht, den Begriff selbst und seine umfassende
Bestimmung und Geltung zu leugnen, wenn man ihn zum blossen
Sammel- und Beziehungspunkt der besonderen Beobachtungen