342 Das Copernikanische Weltsystem und die Metaphysik,
Es ist somit aus einem innerlichen sachlichen Zusammen-
hang zu erklären, dass sich der Kampf um das Weltsystem alsbald
zu der allgemeinen Frage nach den Grenzen der Religion und
Wissenschaft, des Glaubens und der Vernunft erweitert. Wenn
man die Akten des Galileischen Prozesses studiert, so staunt man
über die Klarheit und Schärfe, in der diese Fragestellung von
beiden Seiten erfasst und festgehalten wird. Der anfängliche
Ausgangspunkt tritt immer mehr zurück gegenüber dem neuen,
tieferen und umfassenden Problem.‘) Lange zuvor hatte Galilei
selbst in seinem bekannten Brief an die Grossherzogin Mutter
Christine von Lothringen die scharfe Scheidelinie zwischen der
theoretischen und praktischen Bedeutung der Religion gezogen,
die er in seiner Verteidigung durchgehend einhält. Wenn hier
die Natur und die heilige Schrift beide gleichmässig als Zeugen
der göttlichen Offenbarung anerkannt werden, so kann doch. über
das Rangverhältnis, das zwischen diesen beiden Grundquellen
besteht, kein Zweifel bestehen. Die sicheren Erfahrungen der
Sinne und die demonstrativen Schlüsse, die wir auf ihnen auf-
bauen, müssen uns als die erste und unbezweifelbare Grundlage
gelten, von der aus wir erst die Deutung der biblischen Bücher
und die Ermittlung ihres wahren und widerspruchslosen Sinnes
versuchen können. Der Gedanke einer „doppelten Wahrheit“
ist klar und sicher beseitigt: unmöglich ist es, dass derselbe Gott,
der uns. mit Sinnen, mit Verstand und Einsicht begabt und uns
in ihnen die Mittel zur klaren Erfassung der Wirklichkeit gegeben
hat, uns über das Sein der Naturdinge zugleich auf eine andere
Art durch unmittelbare Offenbarung in der Schrift belehren
wollte. Alle Aussagen und Urteile über die Existenz von Ob-
jekten sind lediglich durch das Zeugnis der wissenschaftlichen Er-
fahrung und in.dem geregelten vorgeschriebenen Gang ihrer
Methodik zu gewinnen. In der Notwendigkeit, die sich uns
hier erschliesst, liegt ein festes und unverrückbares Kriterium,
das von keiner anderen Instanz beschränkt oder überboten werden
kann. Wenn die Schrift den Willen und das Wesen der Gott-
heit in einer Form ausdrückt, die dem Verständnis und der
Fassungskraft des Volkes angepasst, die somit wechselnder und
verschiedenartiger Auslegung fähig ist — so schwindet vor der
Natur selbst als der einmaligen und unveränderlichen Selbstbe-