Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

JA

Giordano Bruno.

Kriterien, die in Brunos Kritik der Aristotelischen „Entelechie“
mitwirken. Wenn nur das Beharrliche als das „wahrhaft
Seiende“ gesetzt werden kann, weil es allein dem Verlangen des
Denkens nach unverbrüchlicher Identität seines Gegenstandes
genügt: so kann nur der Eine und wandellose Grundstoff, .nicht
irgend eine seiner bestimmten und hesonderen Ausprägungen als
wirklich gelten. Es ist bezeichnend, dass Bruno in seinem Kampf
für das Recht und die Würde der Materie nicht unmittelbar
an die antike Atomistik, sondern weiter zurückgreifend, an ihre
dialektischen Vorgänger, an Xenophanes und Parmenides anknüpft‘)
 Die Entelechien kommen und gehen in buntem
Wechsel; einzig dem Substrat, das ihrer Wirksamkeit unterliegt,
kommt das auszeichnende Merkmal der Erhaltung zu. Ihm
allein gebührt daher der Vorrang „unter dem Gesichtspunkt
der Substanz, als das, was ist und verharrt, begriffen zu
werden.“4) Dass wir diese „substantielle“ Einheit und Unvergänglichkeit
 der Materie sinnlich nicht zu erfassen und zu erweisen
 vermögen, dass sie nur dem Auge des Intellekts evident
zu Tage liegt, wird hierbei ausdrücklich betont.) Klar und
unverkennbar tritt das logische Motiv, das in Brunos Umgestaltung
 des Seinsbegriffs mitwirkt, in den Thesen hervor, die er
gegen die Pariser Peripatetiker gerichtet hat. Hier geht er zunächst
 darauf aus, den Widerspruch aufzudecken, der zwischen
dem Aristotelischen Ideal. der Erkenntnis, das nur dem „Allgemeinen“
 wahrhalfte wissenschaftliche Geltung zuspricht und seinem
Grundbegriff der Entelechie besteht, in dem ein Sonderdasein
zum Range der höchsten Realität erhöht wird. Wir sahen, dass
auch Telesio und seine Schule ihre Kritik vor allem auf diese
Antinomie hinrichteten, die in der Tat für das gesamte System
verhängnisvoll ist. Die Lösung, die sie selbst dem Problem gaben,
verläuft jedoch in entgegengesetzter Richtung, wie bei Bruno:
um die Besonderheit des Erkenntnisobjekts zu retten, wurde
die Allgemeinheit der Erkenntnisfunktion bestritten und aufgehoben.
 Die Rolle des Verstandes beschränkte sich auf die Zusammenfassung
 und abgekürzte Wiedergabe von Urteilen, die
ihre letzte und endgültige Gewähr einzig in der Einzelwahrnehmung
 fanden. (Vgl. ob. 212ff.) Im Widerspruch hierzu hält
Bruno an dem Platonischen Grundgedanken fest. der sich hei
            
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