Die Kritik des Substanzbegriffs.
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Aristoteles fortwirkend erwiesen hatte: wahre Wissenschaft ist
nur von einem unwandelbaren und ewigen Objekt möglich.
Das räumlich eingeschränkte und zeitlich begrenzte Dasein ist
ein Gegenstand der Empfindung, nicht des Wissens. Soll daher
die Natur zum Inhalt der Erkenntnis werden, so dürfen wir
unter ihr nicht eine blosse Sammlung besonderer und vergäng-
licher Substanzen verstehen, sondern müssen sie als das Eine
beständige und überall sich selber gleiche Urwesen denken.
Verbleiben wir innerhalb der Schranken der Einzelwesen, so ge-
jangen wir über das Gebiet der trügerischen Meinung und des
Sinnenscheins nirgend hinaus. Nicht von den Menschen als
einer Summe von Individuen, nicht von Sokrates oder Platon,
sondern nur von dem gemeinsamen und umfassenden Wesen
des Menschen, als von einem Allgemeinen und Dauernden, kann
es rationale Erkenntnis geben: das Einzelne dagegen gibt lediglich
der historischen Kenntnisnahme, nicht der echten, wissen-
schaftlichen Einsicht Raum. Kein sophistischer Versuch der
Versöhnung kann diesen Grundgegensatz zur Aufhebung bringen:
was als sinnliches und veränderliches Ding gegeben ist, das kann
weder mittelbar, noch unmittelbar, weder an und für sich, noch
„per accidens“ zum Gegenstande für den reinen Intellekt werden,
Erkennbar im strengen Sinne ist daher niemals das Naturding,
sondern die Natur als der einheitliche Grund und die univer-
sale Regel, auf der alle besonderen Erscheinungen beruhen.‘9)
So sehen wir, wie Bruno hier den wichtigen und bezeichnenden
Versuch unternimmt, seinem Pantheismus, der freilich von
anderen Voraussetzungen und Motiven her erwachsen ist, nach-
träglich ein erkenntnistheoretisches Fundament zu geben.
Sein Verhältnis zur modernen Wissenschaft, mit der er die Be-
kämpfung des Aristotelischen Substanzbegriffes teilt, tritt an
lieser Stelle in positiver wie negativer Richtung besonders
deutlich hervor. Dass nur das „Allgemeine“ der wahrhafte Ge-
genstand exakter Erkenntnis sein könne, ist ein Satz, den auch
Galilei zugeben dürfte: betont er doch unablässig, dass das
Einzelne in seiner vollen Konkretion niemals durch den reinen
Begriff zu erfassen und auszuschöpfen ist. Die Allgemeinheit
aber, auf die Bruno hinzielt, ist die der alldurchdringenden, ein-
heitlichen Substanz, während sie für Galilei diejenige der