Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Giordano Bruno. 
Gesichtspunkle der „Quantität“ und „Qualität“ gehen noch un- 
mittelbar ineinander über: die Einheit der Regel, die wir z. B. 
in jedem Punkte einer bestimmten Kurve denkend festhalten können 
und vermöge deren uns noch der einzelne Punkt die Eigenart der 
besonderen Gestalt, der er angehört, begrifflich repräsentiert, wird 
zuletzt als die Einheit eines Teiles und Bestandstückes gedeutet. 
Vom Standpunkte der diskreten Quantität aber bleibt dasjenige, 
was Bruno doch gemäss seinem metaphysischen Grundprinzip 
dauernd behaupten muss, ein Rätsel und ein Widerspruch: hier 
ist nicht einzusehen, wie der Teil jemals das Ganze ohne Ein- 
schränkung in sich „enthalten“ und darstellen kann. Deutlich 
zeigt sich an diesem Punkte der prinzipielle Gegensatz, der 
zwischen dem Minimum und dem Leibnizischen Begriff der Mo- 
nade besteht. Nur derjenige, dem sich die Geschichteder Philosophie 
in eine Geschichte von Formeln und Redewendungen auflöst, 
kann über der Einheit des Namens den weiten sachlichen Ab- 
stand vergessen, der Brunos Lehre von Leibniz trennt. Das „Mi- 
nimum“ bleibt, wenngleich der Wahrnehmung entzogen, dennoch 
zuletzt mit den sinnlichen Grundbestimmungen der Ausdehnung 
behaftet, da es sich mit anderen gleichartigen Elementen be- 
rühren und mit ihnen; zu einem Ganzen zusammenschmelzen 
kann. Die Ausdehnung bildet somit ein absolutes Prädikat, 
das die metaphysische Wesenheit der Dinge zum Ausdruck 
bringt. In der Bekämpfung eben dieses Gedankens wurzelt der 
Leibnizische Begriff der Substanz. Niemals wird die Monade als 
Teilelement des Kontinuums gedacht, das vielmehr, nach 
dem Grundsatz der unendlichen Teilbarkeit, mit dem Leibnizens 
Philosophie steht und fällt, die Möglichkeit „einfacher“ Atome 
ausschliesst. Ihre Einheit ist die des Selbstbewusstseins, die 
die Vorstellung der mannigfaltigen Ausdehnung in sich enthält 
und aus sich entwickelt. Die Lehre von der Idealitätdes Raumes 
wird für Leibniz zum Mittel, die strengen Forderungen der mathe- 
matischen Kontinuität festzuhalten, indem er sie zugleich auf das 
Bereich der Phänomene einschränkt. Bei Bruno dagegen bleiben 
die „Atome“, selbst wenn er ihnen nachträglich eine Art des 
Sinnes und des Bewusstseins zuspricht, dennoch räumliche Ge- 
bilde von bestimmter Gestalt und Form. Materie und Denken 
gelangen hier zwar zu einer metaphysischen Verschmelzung und
	        
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