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Descartes.
stimmt und umgrenzt. Ihm handelt es sich nicht mehr um die
Welt der Gegenstände, sondern um die der Erkenntnisse; nicht
um die Kräfte, die das Naturgeschehen beherrschen, sondern um
die Regeln, die den Aufbau der Wissenschaft leiten. Die Frage
nach dem Verhältnis der Einheit zur Vielheit hat einen
veränderten Sinn erhalten und ist auf einen neuen Boden ver-
pflanzt. Wie eine Andeutung dieser bestimmten geschichtlichen
Lage, in der er sich der Naturphilosophie gegenüber befand,
klingt es, wenn Descartes ausspricht, dass es töricht sei, über die
Geheimnisse der Natur und den Einfluss der himmlischen Sphä-
ren auf die irdische Welt, über die Kräfte der Pflanzen, die Be-
wegung der Gestirne und die Verwandlung der Metalle zu ‘grü-
beln, ohne doch jemals der richtigen Führung des Geistes und
dem universalen Begriff des Wissens selber nachgedacht zu
haben: da doch alles andere nicht sowohl um seiner selbst, als
um dieses Zweckes willen zu schätzen sei. Erst wenn wir die
Forschung einzig auf diese letzte und einheitliche Aufgabe be-
ziehen, begreifen wir die innere Möglichkeit der Erkenntnis. Die
Vielheit der Dinge ist unendlich und unfassbar; es ist ein ver-
gebliches Unternehmen, sie im Begriff zusammenhalten und über-
sehen zu wollen. Dagegen kann es kein unermessliches Werk
sein, die Grenzen des Geistes zu bestimmen, da wir ihn un-
mittelbar in uns selber gewahr werden, noch alle Inhalte, soweit
sie in dieser Gesamtheit befasst sind, erschöpfend zu hbestimmen.‘)
Noch bei Giordano Bruno, wie sehr er dem Denken die Kraft zu-
sprach, das Unendliche zu ergreifen und zu umspannen, behielt ge-
rade in dieser Grundfrage zuletzt die Skepsis Recht: wie das Auge
alle Dinge sicht, ohne sich selbst zu erblicken, so vermag der
menschliche {Intellekt niemals sich selber deutlich und durchsichtig
zu werden.®) Es ist derselhe Einwand, der auch Descartes von seinen
Gegnern vorgehalten wird und dem er seine neue Auffassung des
Selbsthbewusstseins entgegenstellt.© Wir vermögen nichts von
den Dingen zu erkennen, ohne damit zugleich der Wesenheit unseres
eigenen Denkens inne zu werden. Der reine Verstand bildet das
erste Objekt, das uns in der Reihe der Wahrheiten entgegentritt. 7)
Wir sahen, wie das Streben der Naturphilosophie darauf gerichtet
war, die Erscheinungen als eine immanente Ordnung, von