Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Grenzbestimmung des Verstandes. 
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eigenen und unabhängigen Kräften geleitet und bewegt, zu 
denken. Aber indem ihr das Problem des Bewusstseins fremd 
blieb, indem sie somit den wahren Mittelpunkt der Immanenz 
verfehlte, vermochte sie auch in der Welt der äusseren Wirk- 
lichkeit ihrer ursprünglichen Richtung nicht treu zu bleiben, — 
gewannen auch hier Magie und Astrologie wieder die Vorherr- 
schaft über die ersten Anfänge empirischer Erklärung. Die 
Methode Descartes’ erschliesst ein neues Zentrum und einen 
neuen Ausgangspunkt: die Rechtfertigung dieses Anfangs aber 
xann wiederum nur darin gesucht werden, dass er sich in der 
»bjektiven Erkenntnis der Natur, in der Grundlegung der wissen- 
schaftlichen Physik fruchtbar erweist. — 
Es ist eine doppelte Richtung der Betrachtung, die wir im 
Aufbau und der Begründung der Cartesischen Philosophie deut- 
lich unterscheiden können. Während auf der einen Seite die 
„Einheit des Intellekts“ in immer bestimmteren und kon- 
kreteren Prinzipien entwickelt und dargestellt und der Inhalt 
der Mathematik und Naturerkenntnis aus ihr in stetigem Gange 
abgeleitet wird, steht auf der anderen Seite der Versuch, den 
gesamten Inbegriff des Wissens, der auf diese Weise entsteht, 
in einem höchsten metaphysischen Sein zu gründen 
and ihm hier seinen letzten Halt und Ankergrund zu 
geben. Wenn wir in der gedanklichen Rekonstruktion des 
Systems zunächst einzig und allein der ersten Entwicklung 
nachgehen, so leitet uns hierbei ein doppeltes geschichtliches 
Interesse. Einmal nämlich liegt in dem, was die „Methode“ für 
die Wissenschaft und ihre Grundsätze geleistet hat, die eigentliche 
geschichtliche Kraft und die unvergängliche Wirkung der Carte- 
sischen Philosophie, während die Metaphysik schon bei den 
nächsten Nachfolgern und Schülern in eine Mannigfaltigkeit 
widerstreitender Systeme zerfällt. Sodann aber bleiben auch in 
der eigenen individuellen Gedankenentwicklung Descartes’ die 
beiden Motive deutlich von einander geschieden. Von dem Zeit- 
punkt der Entdeckung des methodischen Grundgedankens — eine 
Fagebuchnotiz bestimmt ihn als den 10. November 1619% — ver- 
gehen neun Jahre, die — wie der „Discours de la methode“ be- 
zeugt — völlig von mathematischen und physikalischen Studien 
ausgefüllt sind. Hier bilden und befestigen sich. wie sich bis
	        
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